Musik als Ressource in Seelsorge und Spiritualität 2014 - 2019

Abschlussbericht

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Die Asklepios Psychiatrie Niedersachsen GmbH in Göttingen ist Trägerin der Fachkliniken in Göttingen und Tiefenbrunn mit insgesamt 762 Behandlungsplätzen (stationär und teilstationär) und etwas mehr als 1000 Mitarbeitenden.

Als Teil der Klinikseelsorge wandte sich das Projekt "Musik als Ressource in der seelsorglichen und spirituellen Praxis im Krankenhaus“ in erster Linie an die Patientinnen und Patienten der beiden Häuser, mit eigenen Angeboten auch an die Mitarbeitenden sowie an psychiatrieerfahrene Menschen in der Region. Darüber hinaus war es Ziel des Projekts, mit öffentlichen Veranstaltungen die im Krankenhaus gewachsene Spiritualität auch interessierten Menschen außerhalb des Krankenhauses zugänglich machen. Dafür stand für den Zeitraum von 5 Jahren eine 0,5-Pfarrstelle zur Verfügung, finanziert aus Mitteln des Innovationsfonds der ev.-luth. Landeskirche Hannovers und des Krankenhausträgers.

Insgesamt gab es in den vergangenen fünf Jahren 101 Veranstaltungen, die von 3588 Menschen besucht wurden. Nicht eingerechnet in diese Zahl sind die Singrunden mit Patientinnen und Patienten der gerontopsychiatrischen Stationen, die einmal im Monat stattgefunden haben (20 - 30 Teilnehmende), die Sängerinnen und Sänger im Chor „Lukas singt“ (6-16 Teilnehmende), die Klientinnen und Klienten in der Einzelbegleitung sowie die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Asklepios Psychiatrie Niedersachsen, die an den „Atempausen“ teilgenommen haben, die wir für Mitarbeitende bis Ende 2017 freitags in der Passions- und Adventszeit angeboten haben. Da viele Patientinnen und Patienten des Krankenhauses weitgehend mittellos sind - Patientinnen und Patienten, die in Heimen untergebracht sind, verfügen in der Regel nur über ein geringes „Taschengeld“ - waren alle Veranstaltungen kostenlos. Nach einer Anlaufzeit war das Projekt im Krankenhaus gut bekannt und integriert und wurde von den Patientinnen und Patienten auch gut angenommen.

Anders als in der konfessionellen Parochialgemeinde sind im Krankenhaus auch Menschen anderer christlicher Konfessionen oder anderer Religionen, Menschen mit einer „Patchwork-Religiosität“, Menschen auf der Suche und Menschen mit einem allenfalls diffusen „Sinn und Geschmack“ für das Religiöse. Es war eines der Ziele der Projektarbeit, auch diese Menschen anzusprechen, und das ist von Anfang an gut gelungen.

Konfessionelle Grenzen spielten auf dem Hintergrund der langjährigen guten ökumenischen Zusammenarbeit in der Klinikseelsorge ohnehin kaum eine Rolle, zumal wir in der Projektarbeit bewusst die Elemente in den Vordergrund gestellt haben, über die ökumenisch ein Konsens besteht (Segnungsgottesdienste, Taufe und Tauferinnerung). Auch viele Menschen ohne formale konfessionelle Bindung haben an den Veranstaltungen des Projekts teilgenommen und immer wieder auch Menschen anderer Religionszugehörigkeit : im Segnungsgottesdienst im diesjährigen Gospelsommer beobachtete ein Mann zunächst das Geschehen aus der Distanz, dann trat er als letzter vor den Altar und empfing hier unter Handauflegung den Segen - und hinterher sagte er mir im Gespräch, er sei zwar Muslim, aber dies sei für ihn stimmig und berührend gewesen. Hier erweist sich Musik als Universalsprache, die nicht Unterschiede aufzeigt, sondern die die Kraft hat, Menschen in einem gemeinsamen Geist miteinander zu verbinden.

Ein weiteres Ziel der Projektarbeit war, auch Menschen von außerhalb des Krankenhauses zu den Veranstaltungen des Projekts einzuladen, und auch dies ist überwiegend gut gelungen: von Anfang an dabei waren psychiatrieerfahrene Menschen, die das Krankenhaus aus eigenem  Erleben anlässlich früherer stationärer Aufenthalte kannten, aber aktuell  nicht stationär aufgenommen waren. Als schwieriger erwies es sich, Menschen ohne jeden Kontakt zur Psychiatrie für das Projekt zu gewinnen. Als „Türöffner“ hierfür erwies erwies sich die Großveranstaltung „Du bist ein Segen“ mit Anselm Grün und Hans-Jürgen Hufeisen anlässlich des 150jährigen Krankenhausjubiläums im Jahr 2016, die von mehr als 250 Menschen besucht wurde. Auch für die Musikwerkstätten und das Format „Singen und Schweigen“ habe ich anfangs sehr intensiv geworben, und mit der Zeit entwickelte sich eine Kerngruppe von Menschen, die immer wieder an Veranstaltungen des Projekts teilgenommen haben. Und nicht zuletzt die besonderen Gottesdienste im Rahmen der Projektarbeit haben dazu beigetragen, dass dieser Kreis von Interessenten an der Projektarbeit weiter wuchs. Nach drei Jahren Projektlaufzeit war dieser Kreis ausreichend stabil und auch innerlich bereit für eine regelmäßige und damit verbindlichere Form der Arbeit: seit September gab es den Chor „Lukas singt“, der sich wöchentlich für 45 Minuten trifft.

Eine weitere in der Projektbeschreibung benannte Zielgruppe der Arbeit waren die Mitarbeitenden der Asklepios Psychiatrie Niedersachsen, und sie zu erreichen erwies sich als schwierig. Von Anfang an gab es an den Freitagen in der Passions- und Adventszeit die Einladung, um 14:00 Uhr in einer „Atempause“ das, was gewesen war, im Krankenhaus zu lassen und sich mit Musik, Stille und einem spirituellen Impuls auf das Wochenende einzustellen, doch diese Veranstaltungen waren trotz intensiver Werbung schlecht und zuletzt auch manchmal gar nicht besucht. Die, die gekommen waren, wussten das Angebot wohl zu schätzen, aber die Zeiten der Übergabe waren von Woche zu Woche und von Station zu Station zu unterschiedlich, als das ich ein für möglichst viele passendes Zeitfenster für die Veranstaltung hätte festlegen können. Ein Gespräch mit der Krankenhausleitung darüber kam leider nicht zustanden, und am Ende des Jahres 2017 habe ich die Reihe eingestellt. Auch ein Fortbildungsangebot „Mit Patienten singen - wie fange ich das an?“ ist nicht zustande gekommen, obwohl die Werbung dafür an alle Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in Südniedersachsen verschickt worden war. Zum Zeitpunkt des Anmeldeschlusses war die Mindestteilnehmerzahl nicht erreicht, so dass ich die Veranstaltung absagen musste - nach Anmeldeschluss kamen allerdings doch noch so viele Anmeldungen nach, dass es hätte stattfinden können. Trotzdem war das Interesse nicht groß, und ich vermute, dass derartige Veranstaltungen für die Mitarbeitenden einer Einrichtung nur dann angenommen werden, wenn der Arbeitgeber sie als Dienstzeit anerkennt.

Die langjährige Förderung machte es möglich, das, was in der Praxis musikalischer Kommunikation vielerorts intuitiv und unreflektiert bereits geschieht, in seinen Zusammenhängen und Auswirkungen grundsätzlich  zu erforschen, im interdisziplinären Dialog verschiedene theoretische Entwürfe zu sichten und für die Praxis Methoden zu entwickeln und zu erproben. Dabei hat mir für das Verständnis der neurobiologischen Grundlagen der Wirkung von Musik das Buch „Good Vibrations“ von Stefan Koelsch gute Dienste geleistet. Theologisch verortete unser Projekt sich im Konzept energetischer Seelsorge sowie im Konzept katathym imaginativer Psychotherapie (KIP), wobei Musik und Klang an die Stelle der visuell imaginierten Elemente der KIP traten. Seelsorge und Spiritualität auch als Phänomene von Resonanz zu verstehen, verdanke ich dem großen Entwurf über „Resonanz“ von Hartmut Rosa. Drei ständige Kooperationspartnerinnen auf Honorarbasis haben diejenigen Kompetenzbereiche abgedeckt, die ich mit meiner Ausbildung nicht abdecken konnte und standen bei Bedarf auch als Ansprechpartnerinnen für Frauen der Trauma-Stationen zur Verfügung: Gundula Bernhold ist Sängerin und Gesangspädagogin, Ingeborg Erler ist Musiktherapeutin und Musikerin mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Trommeln, Monika Althoff ist Physiotherapeutin. Zwei- oder dreimal im Jahr haben wir uns im Projektteam zu viert zu einer Auswertungs- und Planungsrunde einen Samstagvormittag lang getroffen. Die Kooperation mit diesen ebenso fachlich kompetenten wie lebenserfahrenen Partnerinnen verlieh dem Projekt eine interdisziplinäre Tiefe und hat spirituelle Räume erschlossen, die ich mir vor Beginn des Projekts nicht hätte vorstellen können.

Musik eröffnet vielfältige Möglichkeiten für die seelsorgliche und spirituelle Begleitung von Menschen:

  • Musik kann ein „Wo-sein“, einen Raum schaffen, der ganz anders sein kann als der physisch vorfindbare Raum und in dem andere Erfahrungen wirklich werden können als im physischen. So kann Musik eine aufbauende, heilsame und sinnlich erlebbare Gegenwelt zu den vielen beschädigenden Erfahrungen des Alltags generieren. In diesem Raum können Segenskräfte (Josuttis) wirken.
  • Musik kann eine intime Nähe ohne Berührung, aber dennoch mit einer körperlich erfahrbaren Dimension (Resonanz) schaffen und ist entsprechend reflektiert und sensibel einzusetzen. 
  • Musik kann emotionale Zustände intensiv ausdrücken, stärker und genauer als Sprache.

Im Mittelpunkt der gesamten Arbeit aber standen vor allen theoretischen Überlegungen die Menschen. In der Konzeption dieses Projekts war es deshalb für mich von Anfang an ein unverzichtbarer Bestandteil der Arbeit, dass ich zugleich weiterhin in der alltäglichen Arbeit der Klinikseelsorge mit einem eigenen Anteil an Stationen und Gottesdiensten integriert blieb. Die Menschen, die ich im Alltag im Krankenhaus und seinem Umfeld traf,  waren inspirierende Partner, Ideengeber und Maßstab für das Projekt - ohne sie wäre das Projekt ganz anders und mit Sicherheit weniger intensiv gewesen.

Das kommunikative Prinzip: niedrigschwellig und nicht-direktiv

In den pastoralen Tätigkeitsfeldern Gottesdienst, Unterricht und Seelsorge ist Musik unterschiedlich gut integriert: Während Musik im Gottesdienst ganz selbstverständlich und mit langer Tradition eine wesentliche Rolle spielt und auch im Unterricht zumindest im Vorschul- und Sek.I- Bereich überwiegend gut integriert ist, ist dies im Bereich der Seelsorge wenig bis gar nicht der Fall. Meine Arbeit als Seelsorger in diesem Projekt geschah nicht einfach nur als Pastor und Kirchenmusiker, sondern als Klinikseelsorger und Kirchenmusiker und dies erlebte ich je länger desto intensiver als einen gravierenden Unterschied und einen grundsätzlichen Wandel der Perspektive. Von daher setzte ich die Akzente anders als in der sonst üblichen kirchenmusikalischen Praxis: Ich bin zuerst ein Hörender  und erst danach ein Musikvermittler oder ein Probender. Hören ist der Anfang aller nicht-direktiven Kommunikation. In meiner wöchentlichen Arbeit mit dem Chor „Lukas singt“ habe ich „Probenziele“ zwar reflektiert, sie blieben aber nachrangig. Ich habe verschiedene Möglichkeiten der Intervention in der Reserve und achte zuerst darauf, dass Kommunikation in beide Richtungen und “auf Augenhöhe“ geschieht und dass das aus meiner Ausbildung begründete fachliche Gefälle nicht unter der Hand ein kommunikatives top-down-Gefälle mit sich bringt, bei dem ich für eine von mir vorbereitete Idee andere zum Mitmachen einlade, sondern ich frage nach den Ideen und Anliegen der Teilnehmenden und versuche dem nachzuspüren, und mit meiner fachlichen Kompetenz versuche ich sie zu begleiten und dabei zu unterstützen, ihr Eigenes zu finden.

Diese konsequent niedrigschwellige und klientenzentrierte musikalische Kommunikation, die in diesem Projekt entwickelt wurde, gründet sich in dem ursprünglich für verbale Kommunikation gedachten Konzept von Carl Rogers, das ich in Seelsorgegesprächen auch anwende und das sich für musikalische Kommunikation als erstaunlich brauchbar erwiesen hat, dazu das Erlebnis des Scheiterns meiner damaligen musikalischen Hermeneutik im KSA-Kurs und nicht zuletzt meiner Beschäftigung mit dem  methodischen Spektrum der musikalischen Praxis von Gundula Bernhold und Frank Müller-Gerstmaier, der als zertifizierter Singleiter der „Singenden Krankenhäuser“ im Asklepios Fachklinikum Göttingen ein musikalisch ähnliches Konzept auf einem anderen inhaltlichen Hintergrund verfolgt.

Strukturen, Settings und Methoden

Die Arbeit mit den Patientinnen und Patienten geschah in drei der Intensität nach abgestuften Zirkeln:

Der geschützte Raum: Die Arbeit zu zweit oder zu dritt

Der innerste Zirkel war die Arbeit zu zweit oder zu dritt. Im geschützten Raum fanden hier intensive seelsorgliche/ spirituelle/ musikalische Prozesse statt. Diese Begleitungen konnten sich auf einen kürzeren Zeitraum von 3 - 6 Terminen beschränken, in zwei Fällen erstreckte sich dieser Zeitraum auf über ein Jahr, allerdings immer wieder unterbrochen von längeren Pausen, in denen der gesundheitliche Zustand der Patientinnen ihnen die Fortführung dieser Begleitung unmöglich machte. In diesem Bereich war Frau Bernhold sehr engagiert, die Kommunikation zwischen uns über diesen Prozess geschah, soweit ich nicht selber unmittelbar beteiligt war, über kurze Protokolle, die Frau Bernhold über jede Sitzung angefertigt hat und bei Bedarf auch mit kurzfristigem persönlichen oder telefonischen Kontakt. Ganz überwiegend nahmen an dieser Form der Einzelbegleitung Frauen teil, zumeist Patientinnen und Patienten der Trauma-Stationen. Unsicherheit, Traurigkeit, Zweifel, Scham und auch Wut hatten hier ihren Ort, und gleichzeitig war dieses Setting ein Ort, etwas Neues auszuprobieren (die Bereitschaft dazu war groß). Meine Rolle als Hörender bedeutete in diesem Kontext, wahrzunehmen, wertzuschätzen, zu stützen und begleiten und vorsichtig freizulegen und weiterzuentwickeln, was die Klientinnen unn Kleinten an Musik mitbringen und welche Rolle diese Musik in ihrem Leben spielt, und, damit verbunden, meine persönlichen Vorlieben für meine musikalische Stilrichtungen zurückzustellen und offen zu sein für die Musik, die die Klient*innen mitbringen. Je nach Bedarf waren dann immer wieder auch Phasen seelsorglicher Begleitung ohne musikalischen Anteil integriert.

In einem Fallbeispiel möchte ich darstellen, wie diese Arbeit im inneren Zirkel, im geschützten Raum, vor sich ging. Eine Patientin der Station 9 (Psychotherapie mit Schwerpunkt Trauma, nur Frauen), eine religiös sehr sensible Frau, hatte ich bereits zuvor während einiger Intervalle begleitet, wir hatten mehrere Gespräche geführt und auch schon einmal zusammen mit Frau Erler die Trommeln eingesetzt. Für das nächste Intervall war ihr Wunsch, dem „Ton ihrer Trauer“ nachzuspüren, das hatten wir bereits vorab per Mail verabredet. In einem vorbereitenden Gespräch ging es um Rückblick und Standortbestimmung, in der Woche darauf trafen wir uns am frühen Abend in der Lukaskirche. Die Patientin hat mir ihren Tagebucheintrag dazu übermittelt, und ich bin autorisiert, daraus zu zitieren. Sie schreibt: "Dieser Tage kam mir das Lied „Ich möcht´, dass einer mit mir geht“ in den Sinn. Herr Merx spielte es auf dem Klavier und wir sangen es gemeinsam, Dann bat ich ihn, weiter Klavier zu spielen, nur meine Töne zu hören hätte ich mich nicht getraut." (... eine wichtige Erkenntnis für mich: der Klang des Instruments eröffnete der Patientin einen Freiraum für ihre eigenen Töne, denn er überdeckt die Unzulänglichkeiten der eigenen Stimme und vermag Schüchternheit oder Scham zu bannen). "Ich setzte mich zwischen zwei Bankreihen auf den Boden. Er spielte so toll, mal ganz sanft, dann schnell und lebendig, irgendwann begann es in mir zu summen und dann habe ich die Trauer gespürt und konnte sie in summenden Tönen nach außen dringen  lassen, bis wieder die Melodie „Ich möcht´, dass einer mit mir geht“ zu hören war, mit der ich mich dann in der Trauer so gehalten gefühlt habe. Ein unbeschreibliches Gefühl." (...eine weitere wichtige Rückmeldung für mich: was ich da am Klavier improvisierte, war verdichtete Kommunikation ohne alle Worte, doch dieser kommunikative Prozess treibt nicht einfach richtungslos dahin: auch ohne alle Worte und alleine mit musikalischen Mitteln sind mir Interventionen möglich, ich kann auf einem Thema beharren, ich kann Fragen stellen, ich kann ein Thema nach einer Zeit wieder hervorholen - und das niederschwellig, ohne den harten Zugriff, den Worte manchmal darstellen). "Herr Merx regte dann an, in einer zweiten Sequenz zu stehen. Gleich war mir klar wo, nämlich am Kreuz. Ich habe, während er wieder spielte, mit Blick zu Jesus begonnen wieder zu summen, ich habe ihm meinen Schmerz und eine Trauer hingelegt, mich von ihm trösten und tragen lassen. Habe mich summend ausgestreckt und gedreht, die Töne fließen lassen. Ich bin noch nicht durch, aber ich spüre, es war ein ganz wertvoller Baustein, der wieder etwas mehr Bewegung, Leichtigkeit und Kraft in mich gebracht hat. Das abschließende Gebet und der Segen waren sehr stärkend. Als ich schon eine ganze Weile ziellos übers Gelände lief, kam (es) auf einmal laut aus mir heraus, als hätte das verletzte, totgemachte Kind gesagt „Ich lebe“ und es war, als hätte mein Herz aufgeatmet."

Im Rahmen dieses Projekts habe ich auch zwei professionelle Musikerinnen (eine Kantorin und eine Schulmusikerin) sowie mehrere qualifizierte„Laien“ (zumeist Kantoreisängerinnen und -sänger) begleitet. Bei Frau F., einer fähigen Pianistin und Organistin, entwickelte sich eine intensive Form der Begleitung dergestalt, dass sie für unsere Begegnungen Klaviermusik auswählte, die sie dann als „Thema“ unseres Gesprächs zu Anfang spielte.

Mit Worten tat sie sich oft schwer, immer wieder fehlten auch die Worte, aber mit Musik konnte sie sich in faszinierender Weise artikulieren, und gerade die schwebende Mehrdeutigkeit von Musik erwies sich als Bereicherung dieser Art von seelsorglicher Kommunikation. Gelegentlich bekam ich auch einen Link zu einer YouTube-Musik vor einem Gespräch zugeschickt.
Frau G. war nach fast 30 Jahren zunehmend auslaugender Berufstätigkeit im Schuldienst von Dezember 2017 bis Mai 2018 stationär im Asklepios Fachklinikum Göttingen, ebenfalls auf einer der Psychotherapie-Stationen. Auch hier ging es in der Begleitung darum, ihren eigenen Musikstil und damit einen zentralen Bereich Ihres Lebens freizulegen und zu stärken. Mit dem Ende ihres stationären Aufenthalts war - wie so oft in der seelsorglichen Praxis in diesem Haus - ihre seelsorgliche Begleitung nicht beendet; nach Bedarf gab es immer wieder sporadische Gespräche, und nach einem Jahr hatte G. die innere Stärke und den Mut gewonnen, mit ihrer Lebensgeschichte und ihrer Musik einen Workshop und ein Konzert in der Lukaskirche zu gestalten.

Auf der Schwelle zwischen geschütztem Raum und Öffentlichkeit: Die halboffenen Module „Musikwerkstatt“, „Lukas singt“ und „Singen und Schweigen“

Ein auf der Arbeit im geschützten Raum aufbauendes halboffenes Modul ist der Projektchor „Lukas singt“, der sich seit September 2017 regelmäßig einmal in der Woche trifft. Hier treffen sich interessierte Patientinnen und Patienten, die aktuell in der Einzelarbeit sind oder dies in der Vergangenheit waren; nach der Arbeit zu zweit oder zu dritt war es irgendwann an der Zeit, den geschützten Raum zu verlassen und auch den Zusammenklang in der Gruppe zu probieren. Dazu kommen Menschen aus der Region, gleich ob psychiatrieerfahren oder nicht; so hat sich im Laufe der Zeit eine Kerngruppe von hoher Verbindlichkeit gebildet, zu der je nach Tagesform Patientinnen und Patienten aus den Stationen dazukommen. Inklusion ist ein wichtiger Aspekt im Geschehen in dieser Gruppe. Aufführungen oder sängerische Leistungen stehen bei "Lukas singt" nicht im Mittelpunkt, und stilistisch ist von den klösterlichen Gesängen der Mönche des Mittelalters über die Musik von Johann Sebastian Bach bis hin zu Gospel und Pop und der Musik anderer Kulturen alles vertreten, manchmal auch improvisiert und ganz ohne Noten. Dabei gehen die Teilnehmenden keinerlei Verpflichtung ein, durch die sie sich etwa für die Teilnahme an einer Veranstaltung binden würden. Immer ist die ausgewählte Musik so konzipiert, das ein/e Sänger/in selbst unmittelbar vor der Aufführung noch aussteigen kann, wenn der Stress angesichts eines öffentlichen Auftritts zu groß werden sollte - das ist allerdings nie passiert. Bei „Lukas singt“ geht es nicht zuerst darum, in der Perspektive auf die Zukunft Musik für einen geplanten Auftritt zu üben; es geht darum, ganz im Jetzt, ganz im Klang, ganz bei sich selbst zu sein und „dem Heiligen im Jetzt“ zu begegnen. An diesem Prinzip richtet sich die Probenmethodik aus, häufig gibt es auch Phasen meditativer Stille und gelegentlich einen spirituellen Impuls. Immer aber gibt es einige Übungen, die helfen, den Körper als „Instrument“ des eigenen Klangs zu spüren, das „Da-sein“ vertieft wahrzunehmen oder der eigenen verborgenen inneren Kraft nachzuspüren und auf der Basis dieser Kraft gut ausbalanciert laut zu werden. Weitere halboffene Module waren die Musikwerkstätten (Liederwerkstatt / Rhythmuswerkstatt / Improvisationswerkstatt), in denen wir verschiedene Varianten musikalischer Seelsorge / Spiritualität erprobt und entwickelt haben, sowie das Format „Singen und Schweigen“, das in besonderer Weise die spirituellen Dimensionen in den Mittelpunkt rückte und so den „spirituellen Kern“ des Ganzen darstellte.

Im „inneren Zirkel“ der Einzelarbeit im geschützten Raum war es das Ziel, in nicht-direktiver Kommunikation einen einzelnen Klienten / eine einzelne Klientin seelsorglich und spirituell zu begleiten; dabei galt dem Menschen gegenüber die ganze und ungeteilte Aufmerksamkeit des Seelsorgers. Der Übergang von diesem Einzelsetting zum Gruppensetting in den Musikwerkstätten und insbesondere im Chor „Lukas singt“ war vor allem in der Anfangszeit von Irritationen und Konflikten begleitet: Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Leiters, Abgrenzung gegen andere („ich will nicht, dass die neben mir sitzt) oder das Gefühl, schlechter als andere behandelt zu werden („warum darf die im Gottesdienst mitsingen, die war doch bei der Probe gar nicht dabei“) boten reichlich Stoff für seelsorgliche Diagnostik und Gespräche in der Gruppe - hier ging es darum, sich auch als Teil eines Ganzen zu verstehen, aufeinander zu hören und seinen Ort in dem Gesamtklang zu finden. Im Hintergrund stand dabei auch ein Wechsel meiner Rolle, den ich zuerst auch nicht bemerkt habe: Denn als „Dirigent“ (schon dieses Wort steht im Widerspruch zu der Idee nicht-direktiver Kommunikation) war ich keinesfalls immer ein Hörender, sondern auch ein Ansagender und Durchsetzender.

Der öffentliche Raum

Im krankenhausöffentlichen Rahmen gestalteten Patientinnen und Patienten besondere thematische Gottesdienste oder kleine Konzerte wie die Adventsmusiken mit, die in der Einzelarbeit oder in „Lukas singt“ sorgfältig vorbereitet wurden. Ein wesentliches Anliegen war dabei die möglichst umfassende Vernetzung der verschiedenen Aspekte eines derartigen Werks, um sie für das eigene spirituelle Erleben aufzuschließen. Nach zwei Jahren gemeinsamer Arbeit wäre der Chor jetzt fähig und bereit gewesen, den geschützten Bereich des Krankenhauses zu verlassen und in der Öffentlichkeit aufzutreten; wir hatten bereits eine Einladung zum 10jährigen Jubiläum des Nachbarschaftsvereins auf dem Leineberg sowie zu einer gemeinsamen Veranstaltung im Advent mit dem Chor der Thomasgemeinde auf dem Leineberg erhalten. Beides war wegen des Ablaufs der Frist für das Projekt leider nicht mehr zu realisieren.

Einige Beispiele zu den inhaltlichen Schwerpunkten der Projektarbeit

Biografie und Resilienz

Im Jahr 2016 konnte die Psychiatrie auf dem Leineberg in Göttingen ihr 150jähriges Jubiläum feiern. Die musikalische Projektarbeit der Klinikseelsorge beteiligte sich mit einer Veranstaltungsreihe zum Thema „Resilienz“, in der die Biografien von Johann Sebastian Bach, John Newton und Hans-Jürgen Hufeisen im Mittelpunkt standen. Alle mussten Schicksalsschläge hinnehmen und leidvolle Erfahrungen durchstehen und allen gelang es, diese Krisen zu bewältigen, diese Erfahrungen in ihr Leben zu integrieren, an ihnen zu wachsen und ein Mehr an spiritueller Lebenskompetenz zu gewinnen - und diese gebrochene Lebensgeschichte wird hörbar in ihrer Musik. Ziel der Veranstaltungsreihe war es, den Teilnehmenden die geglückte Verarbeitung leidvoller Erfahrungen als „Identifikationsflächen“ (L. Reddemann) für ihr eigenes Erleben anzubieten, dies nicht nur mit Worten zu behaupten, sondern die Möglichkeiten von Musik zu nutzen, dies nonverbal in tiefere Schichten des Bewusstseins zu transportieren, es affektiv erlebbar und erinnerbar werden zu lassen und damit aufzuschließen für die Bewältigung eigener ähnlich gelagerter Lebenskrisen.

Zeit seines Lebens musste Johann Sebastian Bach immer wieder schwere Verlusterfahrungen bewältigen: Mit 10 Jahren war er Vollwaise und kam in die Familie seines älteren Bruders, seine erste Ehefrau Maria Barbara starb, während er auf einer Reise war; als er zurückkehrte, war sie bereits bestattet. Mehrere seiner Kinder musste er zu Grabe tragen. Die Kantate „Ach Gott, wie manches Herzeleid“ von Johann Sebastian Bach (BWV 58) gehört zu den 5 Dialogkantaten, die Bach geschrieben hat, sie war zugleich Thema der Predigt. Die Stimme der Seele (Sopran), die ihr Leid klagt und die Stimme Christi (Bass) stehen, gedeutet von einer Vielzahl musikalisch-rhetorischer Figuren, in einem intensiven musikalischen Dialog, so dass der tröstende Christus praesens tatsächlich „in Echtzeit“ zu Klingen kommt - die musikalisch und stimmlich nicht vorgebildeten Sängerinnen konnten in den langen Notenwerten im Choralsopran, gestützt von der Solistin, direkt in den Dialog mit dem Christus praesens treten. Anders als nur im Wort einer Predigt ereignet sich hier die Gegenwart Christi tiefer, sinnlicher anwesend im Klang. Zuvor gab es in kleinerer persönlich vertrauter Runde einen Glaubensgesprächskreis, in dem die Kantate unter musikalischen, zeit- und glaubensgeschichtlichen und vor allem biographischen Aspekten betrachtet wurde, und auch der persönliche Austausch hatte hier seinen Raum.

Die Biografie John Newtons wurde in einem anderen Setting dargestellt. Newton ist der Autor von „Amazing grace“, er hat den Text dazu im Rückblick geschrieben, erfüllt von Dankbarkeit und Erstaunen über die Rettung aus höchster Gefahr, die er viermal in seinem Leben erfahren hat. “Amazing grace“ bildete den thematischen Mittelpunkt des Gospelsommers 2016. In einem Workshop mit dem Gospelchor „Together“ waren die Teilnehmenden zunächst eingeladen, sich zwischen die Sänger*innen des Chores zu setzen und sich von dem „Gospelfeeling“ mitnehmen zu lassen; was im Workshop entstand, wurde dann hineingenommen in einen ökumenischen Segnungsgottesdienst mit einer Predigt über „Amazing grace“. Die Veranstaltungen des Gospelsommers entwickelten durchaus Nachhaltigkeit in das Krankenhaus hinein: so nahmen z.B. Frauen aus einer Traumastation, die am Gospelworkshop und -gottesdienst teilgenommen hatten, den Gospel "Angels by your side“ mit auf die Station, dort wurde er dann immer wieder gesungen, wenn z.B. Frauen entlassen wurden.

In der dritten Veranstaltung anlässlich des 150jährigen Jubiläums haben wir dann in ganz Südniedersachsen ökumenisch zu einer Konzertmeditation mit Anselm Grün und Hans-Jürgen Hufeisen unter dem Titel „Du bist ein Segen“ in das Krankenhaus eingeladen. In einem Hotel im Rheinland wurde Hans-Jürgen Hufeisen "auf der Durchreise" geboren. Seine Mutter, unterwegs als Mitarbeiterin in einem Bertelsmann-Bücherbus, wollte ihr Kind nicht behalten und ließ es im Hotel zurück. "Die Flöte hat seine Wunden in Perlen verwandelt" sagt Anselm Grün über seinen Konzertpartner.

In Beziehung sein

Während es für Traugottesdienste und Ehejubiläen seit langem bewährte liturgische Formulare gibt und mittlerweile auch Rituale für die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften entwickelt wurden oder werden, gibt es dergleichen für andere „niedrigschwellige“ Formen zwischenmenschlicher Beziehungen nicht. Die Segnung in Ehe oder Partnerschaft wird immer wieder mit der auf Dauer angelegten Verbindlichkeit begründet, die die Partner füreinander übernehmen, aber diese Argumentation greift zu kurz: auch andere Formen zwischenmenschlicher Beziehungen, gute Freundschaften, selbst kurzzeitige Beziehungen der verschiedensten Art können von großer Verbindlichkeit und ein großer Segen sein. Die Patient*innen eines Krankenhauses haben sich nicht ausgesucht, mit wem zusammen sie das Leben auf der Station oder sogar in einem Zimmer teilen, und trotzdem entstehen in dieser „Weggemeinschaft auf Zeit“ gerade in der Psychiatrie immer wieder Beziehungen, in der Menschen ein tiefes Verständnis füreinander entwickeln und einander stützen und helfen.

Diesem Defizit widmete sich im zweiten Halbjahr 2017 die Veranstaltungsreihe „Pop-Balladen von Freundschaft und Spiritualität“. In drei Musikwerkstätten, einem Segnungsgottesdienst und einem Mitmach-Konzert ging es darum, den geistlichen Raum unterhalb eines festgefügten liturgischen Formulars für dieses Thema auszuloten. In der Einladung zum Segnungsgottesdienst wurde ausdrücklich darauf hingewiesen, dass in diesem Gottesdienst Freund*innen und auch andere Menschen, die einander viel bedeuten, unter Handauflegung gesegnet werden können. Thema der Predigt war die Ballade „Bridge over troubled water“ von Simon & Garfunkel , und in Gruppen zu zweit oder zu dritt, einige auch allein, kamen fast alle, um zu den Klängen von „Bridge over troubled water“ sich segnen zu lassen. Im Vollzug dieses Rituals ist mir berührend deutlich geworden, wie segensreich das sein kann, wenn in Zeiten von Krise und Krankheit eine „Weggemeinschaft auf Zeit“ heranwächst, in der Menschen sich näher kommen und gegenseitig stützen, die ein ähnliches Schicksal bewältigen müssen und in therapeutischen Gruppen viel übereinander erfahren.

Glaube und Leib: die Wiedergewinnung des Somatischen für Seelsorge und Spiritualität in der Musik

Die „großen Worte“ des Glaubens von oftmals lediglich behauptender Theologie in sinnlich erfahrbare Wirklichkeit zu transformieren - das war das Leitbild des letzten Jahres der Projektarbeit 2018/19. Angestoßen wurde dies durch ein tiefes Unbehagen an der Umsetzung dieser „großen Worte“ im Reformations-Jubiläum 2017, die ich weithin als abstrakt-behauptend, wenig sinnlich fundiert und so weitgehend als folkloristisch-harmlos wahrgenommen habe. Eine Theologie, die „Rechtfertigung“ behauptet, sollte eine Vorstellung haben davon, wie und wo dieses Geschehen sich ereignet, wie es sich anfühlt, was sich verändert. Eine Theologie, die „Erlösung“ behauptet, sollte jenseits von futurischer Eschatologie im Jetzt etwas vom Gemeinten spürbar werden lassen, sollte helfen, spirituelle wie körperliche Blockaden und Verspannungen wenigstens im Ansatz zu „lösen“.

Die Kantate „Ich geh und suche mit Verlangen“ (BWV 49) von Johann Sebastian Bach gehört ebenfalls zum Kreis der Dialog-Kantaten. Sie wurde im Gottesdienst am 11.11.2018 in der Lukaskirche aufgeführt, war Thema der Predigt und wurde in einem Glaubensgesprächskreis zuvor vorgestellt. Die biblischen Bezüge dieser Kantate reichen zurück bis in das Hohelied, und in der zeitüblichen Tradition der Brautmystik gestaltet Bach den Dialog zwischen der menschlichen Seele und dem Christus praesens. In der zentralen Arie, kunstvoll komponiert und mit Violoncello piccolo und Oboe d ´amore effektvoll instrumentiert, singt die von Christus nicht nur angenommene, sondern begehrte und „mit Verlangen“ gesuchte Seele „ich bin herrlich, ich bin schön“ - hier leuchtet noch die ursprüngliche Sinnlichkeit des Hohenlieds in der Musik, voll Erstaunen erfährt die Seele nicht nur in einem abstrakten Sinn sich als „gerechtfertigt“, sondern entdeckt sich als „herrlich“ und „schön“ und auch als wirkmächtig, „meinen Heiland zu entzünden“ (was dann im darauffolgenden Rezitativ ganz traditionell im Sinne der communicatio idiomatum gedeutet wird). Auch in dieser Kantate konnten im Schlusschoral die Sängerinnen wieder, gestützt von der Solistin, in den musikalischen Dialog mit dem Christus praesens treten.

In der Zeit der Arbeit mit dieser Kantate begleitete ich eine 22jährige kantoreierfahrene und auch sonst musikalisch wie auch religiös sehr sensible Frau, aufgewachsen in einer liebevollen und zugleich überfordernden Familie.  Als Studentin war sie in zwei Studienfächern sehr erfolgreich gewesen und war wegen Depressionen, Angstzuständen und Bulimie mehrere Monate in stationärer Behandlung. Auf den Text „Ich bin herrlich, ich bin schön“ reagierte sie mit heftiger Abwehr: sie könne sich nicht als herrlich und schön empfinden, sondern nur als unvollkommen und sündig, und auch mit ihrem körperlichen Erscheinungsbild - sie war aufgrund der Bulimie ziemlich untergewichtig - war sie unglücklich. Es war ein langer Weg, diese Blockaden aufzuweichen und in lebensfreundlichere Glaubenshaltungen zu transformieren, die Klangwiege in der Praxis von Monika Althoff hat dabei gute Dienste geleistet.

„Friede für Hiob“ – die Veranstaltungen zum Abschluss des Musikprojekts

Bereits zu einem ziemlich frühen Zeitpunkt der Projektarbeit entwickelte sich in mir die Vorstellung, dass am Ende des Projekts die biblische Figur des Hiob stehen sollte und dass dies musikalisch in Form einer Gruppenimprovisation vom musikalischen Laien und Profis und von Menschen innerhalb und außerhalb des Krankenhauses geschehen sollte.

Wie kaum eine andere Figur berührt sich das Leben des Hiob mit dem Leben vieler Menschen in diesem Krankenhaus, sind die Erfahrungen und die Affekte, die Hiob durchlebt und durchleidet, anschlussfähig für die Erfahrungen und Affekte vieler Menschen in diesem Krankenhaus. Und wie kaum ein anderes Setting ist die Improvisation geeignet, diesen Komplex zum Klingen zu bringen: Sie ist die nicht-direktive Form musikalischer Kommunikation par excellence, sie geschieht auf Augenhöhe zwischen den musikalischen Partnern und ebnet die Unterschiede zwischen Laien und Profis, zwischen Gesunden und Kranken ein, sie ist frei für die verschiedensten Affekte und gelingt doch nicht ohne aufmerksames aufeinander Hören, sich aufeinander einlassen und im eigenen Beitrag auch etwas von sich selbst erkennen zu lassen und wechselt darin immer wieder die Rollen, sie ereignet sich ganz in der unmittelbaren Gegenwart.

Den endgültigen Impuls, das Hiob-Projekt zu realisieren, gab schließlich ein Aufsatz des Schweizer Analytikers Daniel Barth (WzM 4/2017, 312-330). Über Hiob, der ein vorbildliches Leben führt, bricht über Nacht das Unglück herein, und Hiob reibt sich die Seele wund an der Frage nach dem „warum“, und vehement fordert er von Gott, dass er anerkennt, dass er zu Unrecht leidet. Nach langem Schweigen antwortet Gott dem Hiob schließlich „ aus dem Wettersturm“ und Hiob „spricht sich schuldig“ und „tut Buße in Staub und Asche“ - so die Übersetzung des an dieser Stelle unklaren hebräischen Textes in der evangelisch-lutherischen Tradition. Hier greift Daniel Barth eine andere Textvariante auf: danach antwortet Hiob „Ich gebe auf und tröste mich“. Damit erhält das Ganz eine völlig andere Perspektive, und ohne den exegetischen Befund im Einzelnen zu überprüfen, habe ich diese seelsorgliche „Steilvorlage“ aufgegriffen.

Bereits bei der ersten Vorstellung dieses Themas im Chor „Lukas singt“ wurde spürbar, wieviel seelsorgliches Potenzial diese Geschichte birgt - und welche Konflikte hier möglicherweise unter der Oberfläche verborgen sind: Frau S. ist in einem neuapostolischen Elternhaus aufgewachsen und ist aktuell Mitglied der Baptistengemeinde. Hiobs Wut auf Gott angesichts seines Lebensschicksals legitimierte und befreite auch das, was in ihrem Leben an Wut sich aufgestaut hatte, und was bislang aufgrund ihrer rigoristischen Glaubenshaltung nicht aussprechbar war, konnte nun sich - durchaus aggressiv – artikulieren und rief sofort ebenso vehementen Widerspruch hervor, Wieder war ein Glaubensgesprächskreis die Eröffnungsveranstaltung der ganzen Reihe. In ihm wurden verschiedene Übersetzungsvarianten der Antwort Hiobs aus den letzten 150 Jahren vorgestellt, aus denen sich eine lebhafte Diskussion entwickelte, ob es einen Zusammenhang von Leid und Schuld gibt und welches die Rolle Gottes dabei sein könnte. Für die Improvisationswerkstatt am darauffolgenden Samstag waren ungefähr 30 Kärtchen mit Klageversen aus dem Buch Hiob und den Psalmen vorbereitet, die Teilnehmenden waren eingeladen, einen für ihre Lebenssituation passenden Vers sich auszuwählen, und nach und nach kam dann die ganze Bandbreite der Affekte von Verzweiflung, Wut und Ohnmacht zum Klingen, musikalisch machtvoll unterstützt und kommentiert von der Orgel der Lukaskirche, dem Klavier und einem Keyboard, einem Kontrabass, einem großen Gong und verschiedenen Trommeln. Behutsam aufgefangen wurde diese dichte emotionale Atmosphäre schließlich durch die Gottesrede, bis Hiob schließlich in die Stille hinein seine Antwort sprechen konnte: „Ich gebe auf und tröste mich“, und mit einer Improvisation aller Teilnehmenden über einen Heilig-Kanon fand die Hiob-Geschichte ein ebenso eindrucksvolles wie stimmiges Ende. Ein ökumenischer Gottesdienst und das Konzert „Finale  kreativ“ bildeten dann den Abschluss des Projekts. Das Konzept dieser miteinander verbundenen Veranstaltungen aus einem Glaubensgesprächskreis mit seinem zugleich informativen Charakter und der Möglichkeit zu persönlichem Austausch, der Vertiefung mit einem ganz anderen musikalischen Setting in der Improvisationswerkstatt mit ihrer auf Erprobung ausgelegtem niedrigschwelligen offenem Charakter, der liturgischen Form eines ökumenischem Gottesdienstes und schließlich dem öffentlichen Konzert als Abschluss hat sich als sehr stimmig erwiesen.

Friede für Hiob

Struktur für eine Improvisation

Text I, endet mit „Und Hiob nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche“

Affekt: Schmerz, Verzweiflung, Wut, Ohnmacht. Schabende, kratzende, schmerzhafte Geräusche, penetrant und sich steigernd, Vokalise „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“ (Sopran), kurze Stille (=Fragezeichen), abrupt setzt der oben beschriebene Klang wieder ein, dazu werden Klageverse aus dem Buch Hiob und den Psalmen rezitiert, dies mündet in eine rhythmische, sich steigernde Sprechmotette „Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen“, endet in abrupter Stille.

Aus der Stille heraus entwickeln sich zögerlich unkoordinierte Klangfetzen im Dialog zwischen Kontrabass und Orgelpedal, Affekt: Agonie. Diese Klangfetzen münden allmählich in den Ton D, darüber baut sich nach und nach in Anlehnung an die eingangs gespielte Klaviermediation von Matthias Nagel („Zeitlos. Du, Gott bist ohne Anfang und ohne Ende“ – Psalm 90,2) die musikalische Ausgestaltung der Gottesrede auf: ein eher statischer Hintergrund über langsam schwingenden Gongimpulsen, zunächst Quart- Quint- Septimklänge, Linien auch zeitlich gegeneinander versetzt, SängerInnen bleiben statisch auf D oder A, dann auch umfangreichere Sequenzen von auseinander hervorgehenden Dreiklängen, eine Vokalise nimmt diese Linie auf. Klang irgendwie „metallisch“, Affekt: beeindruckend, aber nicht einschüchternd. Aus der Distanz, aber nicht unnahbar.

Vor diesem akustischen Hintergrund wird die Gottesrede (Text II) in 4 Blöcken rezitiert, während der Rede reduziert sich der Klang auf den Oktav- Qintklang D/A und füllt sich zwischen den Redeteilen wieder auf. Text endet „Warst du dabei, als ich ihnen Kraft und Freiheit schenkte?“

Dieser große Klang der Gottesrede blüht noch einmal auf und reduziert sich  dann zu seinem eigenen Echo. Dieses Echo bildet den Hintergrund für die Antwort Hiobs (Text III, endet „Das gebe ich auf, und ich tröste mich in dir“). Nach und nach verlässt der Klang den Grundton D und mündet ein in A, das die Grundlage für die abschließende Improvisation über das „Heilig, Heilig“ ist.

Rückmeldungen und Feedbacks

Gosia Borree, die Leiterin des Gospelchors „Together“, schreibt nach dem gemeinsam gestalteten Eröffnungsgottesdienst für das Musikprojekt:

Lieber Wolf-Friedrich,
Vielen Dank für Deine Mails und auch die Fotos! ... Der Gottesdienst in der Lukaskirche hat uns allen sehr gut getan und gefallen; unsere Klavierspieleren Gaby hat mir geschrieben: ... ich zehre echt noch immer von dem wunderbaren Gottesdienst in der Lukaskirche ... so innig, so berührend, so wahr, so... ach, mir fehlen einfach die Worte (und das will schon was heißen :-)
Leider konnte ich auch nach dem Gottesdienst nicht zu lange bleiben, aber die Lieder, die Du mit Gundula zusammen gespielt hast fand ich auch einfach cool“. ...
Liebe Grüße von uns allen! Gosia

Die folgende Mail bezieht sich auf das Tango-Projekt im September 2018: Lieber Pastor Merx, lieber Manfred Büsing, das war ein wunderbarer und ganz besonderer Nachmittag gestern - danke, an diesem Sonntag ist wirklich etwas gelungen - Menschen zu bewegen - innerlich und sogar im Miteinander - was gewöhnlich nicht so leicht gelingt - die unbefangene Begegnung zwischen psychiatrischen Patienten und Gästen von Außen - wo auf den ersten, zweiten Blick vielleicht gar nicht sichtbar ist, wer denn nun von wo kommt - gerade drinnen (mit sich beschäftigt) oder draußen (im Alltag) lebt....völlig unerheblich - wenn ich richtig geschaut habe, waren aus unserem Tangoumfeld insgesamt 9 tanzende/nicht tanzende Gäste dabei - aus Ihrem kirchlichen Umfeld ungefähr auch so viele ? - dh Sie haben etwa pari Patienten*innen und (gerade)NichtPatienten*innen als Gäste motivieren können - genau wie am Samstag - ein wunderbarer Erfolg eine Eurythmiefreundin und eine Duderstädter Tanzfreundin, die mit Mann dort war, waren sichtlich berührt von der Achtsamkeit und Wertschätzung, die wir auch in unseren Tänzen versucht haben, auszudrücken..... danke von Herzen - und gerne wieder...( ... )

Die folgende Mail erhielt ich nach dem „Finale kreativ“ von einer Frau, die über mehrere Jahre an der Projektarbeit beteiligt war:

Lieber Herr Merx,
Danke von ganzem Herzen für all Ihr Engagement in die vielen berührenden, bereichernden, verändernden und tragenden Musikprojekte, die Sie in der Asklepios Klinik mit so viel Zeit und Herzblut organisiert und durchgeführt haben. Ich bin voller Dankbarkeit über das was ich dadurch erfahren durfte, in mir berührt wurde, aus mir fließen konnte, ich lernen und erleben durfte. Es waren immer so wohltuende Zeiten und ich bin betroffen, dass diese haltgebende und Heilung ermöglichende tragende Säule künftig nicht mehr da ist. Ich tue mich noch schwer das zu verinnerlichen. Umso wichtiger war es für mich gestern beim Finale kreativ dabei gewesen sein zu können, es hat seinem Namen alle Ehre gemacht. Die Improvisation war grandios und hat in meine aktuelle Situation hineingewirkt und ist so stimmig mit meinem aktuellen Weg. Morgen beginne ich nach 11 Monaten wieder bei (...) zu arbeiten. Ich bin nun teilberentet und werde künftig in (...) meinen Dienst tun. Die Improvisation hat alle Stimmungen dieser Lebensphase berührt und lässt mich nun morgen kraftvoll zur Arbeit fahren.Ich danke Ihnen von Herzen für Ihr mich ineinnehmen in verschiedene Projekte, dass Sie mich mit Ihrem feinen Gespür abgeholt und hineingeführt haben. Mir diesen geschützten Raum geboten und meiner Seele die Möglichkeit gegeben haben sich zu öffnen und berühren zu lassen. Es war großartig. Sie merken mein Herz ist berührt und sprudelt über...Ganz besonders herzlichen Dank, herzliche Grüße, alles Gute und Gottes Segen! (...)

Sprechen Sie mich an

Pastor Wolf-Friedrich Merx

Klinikseelsorge an der Asklepios Psychiatrie Niedersachsen GmbH
Projekt "Musik als Ressource in der seelsorglichen und spirituellen Praxis im Krankenhaus"

Tel.: +49 551 402-2883
E-Mail: w.merx@asklepios.com

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