
Jutta Krebs
Hebamme
Geburt. Trauma. Ohnmacht

Jede fünfte werdende Mutter erlebt Komplikationen unter der Geburt, die sich als schwer belastend oder traumatisierend auswirken können. Hebamme und Traumaberaterin Jutta Krebs sowie Hebamme Christina Jahn sind am Asklepios Klinikum Barmbek für sie da.
Zu schnell, zu lange, zu schmerzhaft oder völlig überfordernd: Frauen unter der Geburt erleben sich in einer Ausnahmesituation. Die Auswirkungen auf sich und ihre Seele können sie nicht vorhersehen und auch nur bedingt beeinflussen: Jede Geburt ist einmalig. Dabei ruft nicht jedes schwere Geburtserlebnis unweigerlich ein Trauma hervor, das therapeutisch behandelt werden muss. „Wir unterscheiden zwischen stark belastenden und traumatisierenden Geburtserlebnissen“, erklärt Jutta Krebs, seit vierzig Jahren als Hebamme und seit sechs Jahren als Traumaberaterin tätig. „Frauen mit einem stark belastenden Erlebnis empfinden die Geburt als außergewöhnlich anstrengend, schmerzhaft und überwältigend, bleiben aber grundsätzlich handlungsfähig und können das Erlebnis mit der Zeit verarbeiten“, so Jutta Krebs.
Traumatisierte Frauen hingegen erleben die Geburt als existenzielle Bedrohung für sich und ihr Kind, häufig verbunden mit Todesangst und vollständigem Kontrollverlust. Sie können das Geschehen nicht bewältigen, es bleibt unverarbeitet im Nervensystem gespeichert.“
„Häufigste Trauma-Symptome sind Erinnerungslücken, Flashbacks, emotionale Taubheit, Ängste, Panikattacken und körperliche Symptome wie Zittern oder übermäßige Schreckhaftigkeit“, erläutert ihre Kollegin, Hebamme Christina Jahn. Flashbacks werden durch so genannte „Trigger“ ausgelöst. Das können Gerüche, Worte, Geräusche oder ein ähnliches Aussehen von Personen oder der Umgebung sein. Nicht als Erinnerung, sondern als fragmentierte Wiederholung des ursprünglich Erlebten. Sie stürzen die betroffene Person unkontrollierbar in all die Gefühle und körperlichen Reaktionen, die sie damals empfunden hat.

Mit Beginn der Schwangerschaft ist das werdende Leben für Frauen das kostbarste, das sie haben und in sich schützen. Gerät es unter der Geburt in Gefahr, so hinterlässt diese existenziell bedrohliche Erfahrung je nach Schwere der Komplikation tiefgreifende seelische Verletzungen.
Einer der häufigsten Trauma-Auslöser ist der Notfallkaiserschnitt. „Da muss es ungeheuer schnell gehen“, erklärt Hebamme Christina Jahn. „Es geht um Minuten, und häufig ist nicht genug Zeit, ausführlich zu erklären, was passiert, warum es passiert, alle sind in Alarm-Stimmung … diese Situation kann in einer Frau Gefühle der absoluten Ohnmacht, Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes auslösen.“ Auch langwierige oder zu schnelle Geburten belasten Frauen, ebenso wie die Geburt eines kranken, zu früh geborenen oder behinderten Kindes.
„Manche Frauen haben nach einer belastenden Geburt sehr ambivalente Gefühle, häufig vermischt sich Schuld mit Scham sowie Enttäuschung über die ‚verpasste‘ oder als passiv erlebte Geburt“, so Christina Jahn, auch sie langjährig erfahren als Geburtshelferin sowie als Hebamme in der häuslichen Wochenbettbetreuung und Schwangerenvorsorge.
Ursache hierfür kann der übergroße Wunsch sein, eine bilderbuchartige, komplikationslose und schmerzfreie Geburt zu erleben. „In den Sozialen Medien werden oft Bilder einer idealen Geburt verbreitet. Und dann kommt im Kreißsaal die Realität: Erstgebärende sehen sich manchmal mit einer überwältigenden Schmerzintensität konfrontiert, für die ihnen die Bewältigungsstrategien fehlen“, so Christina Jahn.
Frauen fühlten sich überrollt, machtlos dem Schmerz ausgeliefert und kommen an ihre körperlichen und psychischen Grenzen. „Selbst die Inanspruchnahme einer schmerzlindernden PDA kann bei Frauen, die eine natürliche, „sanfte“ Geburt erleben wollten, Schamgefühle auslösen.“

Es ist nie böse Absicht: Aber auch das ärztliche und pflegerische Personal kann – bedingt durch ihre Professionalität und Routine – Patientinnen und ihre Begleitpersonen durch unachtsame Handlungen und Worte traumatisieren. Beispielsweise wenn sich eine werdende Mutter über längere Zeiträume allein gelassen, sich unzureichend informiert oder nicht ausreichend in Entscheidungsprozesse miteinbezogen fühlt. „Was für uns während einer Geburtsbetreuung Routinehandlungen sind, erlebt eine werdende Mutter zum ersten Mal und in einer für sie einzigartigen Situation“, sagt Christina Jahn. Hinzu komme das außergewöhnliche Setting: der vor nicht vertrauten Menschen entblößte Unterleib während der Geburt, der Kampf mit den Schmerzen, die Ungewissheit, was noch kommt und wie lange es noch dauert. Was dagegen hilft? „Informieren. Kontakt halten, auf Augenhöhe bestärkend und ermutigend mit der werdenden Mutter sprechen!“ rät Christina Jahn.

Traumafolgestörungen wie die posttraumatische Belastungsstörung oder eine Depression müssen psychiatrisch oder psychotherapeutisch behandelt werden. Das Traumaberatungs- und -begleitungsangebot der Asklepios Klinik Barmbek fängt Frauen im ersten Schritt auf, begleitet sie in ihren Lebensalltag zurück und vermittelt bei Bedarf weiterführende Angebote. „Traumaberatung bedeutet: ‚Hilf mir, meine aktuelle Situation zu klären‘“, erläutert Jutta Krebs, selbst Mutter von drei erwachsenen Kindern. „Traumabegleitung bedeutet: ‚Hilf mir, meine Lage zu ertragen‘.“
Für viele Frauen und Männer, die eine schwere Geburt erlebt oder begleitet haben, sei das Bedürfnis groß, mit einer professionellen Kraft über das Erfahrene zu sprechen. Im Unterschied zur Traumatherapie aber werde das Trauma nicht bearbeitet. „Unser Ziel ist es, die Frauen und Männer zu stabilisieren“, erklärt Christina Jahn. „Daher konzentrieren wir uns vorrangig darauf, den Frauen alltagspraktische Hilfestellungen und Methoden an, die Hand zu geben, etwa, wie sie aus immer wiederkehrenden Gedankenkreisen aussteigen oder körperliche Anspannungen durch bestimmte Übungen lösen können.“
Unser Ziel ist es, die Frauen und Männer zu stabilisieren
Die Beratung findet in der Klinik statt, in einem schön gestalteten Raum und gemütlichen Sesseln. Visualisierungen in Form von Fotos und Illustrationen helfen zu Beginn, spielerisch über das schwere Thema ins Gespräch zu kommen. Wichtig sei, gemeinsam festzulegen, was erreicht werden soll. „Manche möchten nur sprechen, andere benötigen konkrete Unterstützung“, erzählen die beiden Expertinnen. Dabei gehe es unterschwellig immer darum, das Geschehene verstehbar zu machen. „Verständnis ist der der erste Schritt zur Verarbeitung“, so Christina Jahn.
Das Angebot richtet sich an alle Menschen, die über die erlebte Geburt sprechen wollen – unabhängig davon, ob diese schwer belastend oder traumatisierend war. Auch und gerade Väter sowie andere Begleitpersonen sind herzlich eingeladen. Denn auch sie können ähnliche Gefühle der Entmachtung erleben wie die Gebärende selbst. Hilflos müssen sie mit ansehen, wie der geliebte Mensch leidet, in Gefahr gerät, sie wollen helfen, beschützen – und müssen doch die Verantwortung abgeben und dem Geburtshilfe-Team vertrauen. „Das ist für alle eine herausfordernde Situation“, erklärt Jutta Krebs. „Männer sind häufig noch stärker betroffen als Frauen, die durch den Geburtsprozess gegangen sind und deren Selbstheilungskräfte nach der Geburt besser greifen als bei Männern. Daher ermutige ich die Väter immer, ihre Frauen in die Beratung zu begleiten.“
Genauso wichtig wie die Geburtsnachbesprechung kann eine „Geburtsvorbesprechung“ sein. Sie richtet sich an Frauen, die vortraumatisierende Erfahrungen – Gewalt, Missbrauch, eine bereits durchlebte schwere Geburt – gemacht haben. Auch Frauen, die aufgrund von bestimmten Risiken über längere Zeit schon vor der Geburt stationär aufgenommen und überwacht werden müssen, können im Vorfeld Kontakt zu den Traumaberaterinnen aufnehmen.
Ziel der Beratung ist es, die Frau auf die bevorstehende Geburt bestmöglich vorzubereiten, indem ein sicherer Rahmen geschaffen wird und klare, verbindliche Absprachen zwischen der Schwangeren und dem geburtshelfenden Team vereinbart werden.

Nicht zuletzt hält die Asklepios Klinik Barmbek ein Angebot für Mütter bereit, die ihr Kind vor, während oder nach der Geburt verloren haben, es gar tot gebären mussten – eine der schwerwiegendsten Erfahrungen überhaupt. „Dann kommt zu der Schwere der Geburt noch die Trauer um den Verlust des Kindes hinzu“, sagt Christina Jahn. Für die Inanspruchnahme der Beratung spiele es keine Rolle, wie alt das Sternenkind war und wann die Trauer nach dem Verlust zum Vorschein kommt. Für diese Mütter, Väter, Partnerschaften und Familien ist Hebamme und Trauerberaterin Saskia Sonnenberg da.
Der Zugang zur Traumaberatung und -begleitung ist schnell und unkompliziert: Werdende Mütter und ihre Begleitpersonen erfahren in den geburtsvorbereitenden Kursen von dem Angebot oder bei der Geburtsanmeldung, über die Webseite der Asklepios Klinik Barmbek oder den Flyer.
Haben sie in der Asklepios Klinik Barmbek ihr Kind zur Welt gebracht, ist es das Geburtshilfeteam oder das Team der Wochenbettstation, das die Frau bei Bedarf auf das kostenlose Beratungs- und Begleitungsangebot aufmerksam macht.

Hebamme
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