Komplexe posttraumatische Belastungsstörung (kPTBS)
Komplexe Posttraumatische Belastungsstörungen
Symptome, Diagnose und Behandlung der komplexen PTBS
Eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung, kurz kPTBS, kann sich nach besonders schweren, lang andauernden oder wiederholten traumatischen Erfahrungen entwickeln. Häufig handelt es sich um Situationen, denen Betroffene nur schwer oder gar nicht entkommen konnten – beispielsweise langanhaltende Gewalt oder wiederholte körperliche oder sexualisierte Übergriffe.
Neben den typischen Symptomen einer posttraumatischen Belastungsstörung können bei einer komplexen PTBS zusätzliche Schwierigkeiten auftreten. Sie betreffen vor allem den Umgang mit Gefühlen, das eigene Selbstbild und Beziehungen zu anderen Menschen. Die kPTBS ist in der ICD-11 als eigenständige Diagnose beschrieben.
Was ist eine komplexe posttraumatische Belastungsstörung?
Traumatische Erfahrungen können die psychischen Bewältigungsmöglichkeiten eines Menschen überfordern. Viele Betroffene erholen sich mit der Zeit. Bleiben die Beschwerden jedoch bestehen und beeinträchtigen sie Alltag, Beziehungen oder Beruf deutlich, kann sich eine Traumafolgestörung entwickelt haben.
Eine komplexe PTBS tritt insbesondere nach wiederholten oder länger andauernden traumatischen Erfahrungen auf. Beispiele sind schwere Gewalt in Beziehungen, wiederholter sexueller oder körperlicher Missbrauch in der Kindheit oder andere Situationen, in denen Betroffene über längere Zeit ausgeliefert waren.
Die Erkrankung umfasst zunächst die Kernsymptome einer PTBS. Hinzu kommen sogenannte Störungen der Selbstorganisation. Dazu zählen Probleme mit der Emotionsregulation, ein anhaltend negatives Selbstbild und Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen.
Was ist der Unterschied zwischen PTBS und komplexer PTBS?
Bei beiden Erkrankungen können typische PTBS-Symptome auftreten:
- belastendes Wiedererleben des traumatischen Geschehens, zum Beispiel durch Flashbacks oder Albträume
- Vermeidung von Erinnerungen, Situationen oder anderen Auslösern
- ein anhaltendes Gefühl von Bedrohung mit erhöhter Wachsamkeit oder Schreckhaftigkeit.
Bei einer komplexen PTBS kommen weitere Beschwerden hinzu:
Schwierigkeiten mit Gefühlen
Betroffene können große Schwierigkeiten haben, intensive Gefühle zu regulieren. Manche erleben starke emotionale Schwankungen, andere fühlen sich über längere Zeit innerlich leer oder wie abgeschnitten von ihren Gefühlen.
Negatives Selbstbild
Viele Betroffene erleben ausgeprägte Scham- oder Schuldgefühle oder empfinden sich selbst als wertlos, beschädigt oder anderen Menschen unterlegen.
Schwierigkeiten in Beziehungen
Vertrauen, Nähe und stabile Beziehungen können erheblich erschwert sein. Manche Menschen ziehen sich zurück, andere erleben starke Unsicherheit oder Konflikte in Beziehungen.
Dissoziative Symptome wie Erinnerungslücken, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder eine veränderte Wahrnehmung des eigenen Körpers können zusätzlich auftreten.
Wie entsteht eine komplexe PTBS?
Nicht jede traumatische Erfahrung führt zu einer komplexen PTBS. Das Risiko steigt jedoch insbesondere bei schweren, wiederholten oder lang andauernden Belastungen, aus denen ein Mensch kaum entkommen konnte.
Auf der bisherigen Seite der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen werden unter anderem Misshandlungen, sexualisierte Gewalt sowie körperliche oder emotionale Vernachlässigung in der Kindheit als mögliche lang anhaltende Traumatisierungen genannt. Beschwerden können auch erst längere Zeit nach den Ereignissen deutlich werden.
Ob und wie sich eine Traumafolgestörung entwickelt, hängt von vielen Faktoren ab. Deshalb lässt sich aus Art oder Schwere eines Ereignisses allein nicht ableiten, ob eine Person später eine kPTBS entwickeln wird.
Wie wird eine komplexe PTBS diagnostiziert?
Die Diagnose erfolgt im Rahmen einer ausführlichen psychiatrischen beziehungsweise psychotherapeutischen Untersuchung. Dabei werden die aktuellen Beschwerden, mögliche traumatische Erfahrungen, ihre Auswirkungen auf das heutige Leben und mögliche weitere psychische Erkrankungen berücksichtigt.
Wichtig ist die Abgrenzung zu anderen Erkrankungen, die teilweise ähnliche Symptome verursachen können. Dazu gehören beispielsweise Depressionen, Persönlichkeitsstörungen oder dissoziative Störungen.
Nach der ICD-11 liegt eine komplexe PTBS dann vor, wenn neben den PTBS-Kernsymptomen auch die zusätzlichen Bereiche Emotionsregulation, negatives Selbstbild und Beziehungsschwierigkeiten betroffen sind und daraus relevante Beeinträchtigungen im Alltag entstehen.
Wie wird eine komplexe PTBS behandelt?
Die Behandlung richtet sich nach der individuellen Symptomatik, den Begleiterkrankungen und der aktuellen Lebenssituation.
Die aktuelle deutsche S3-Leitlinie empfiehlt bei komplexer PTBS eine psychotherapeutische Behandlung, die traumafokussierte Techniken mit Verfahren zur Emotionsregulation sowie zur Verbesserung von Selbstwert und zwischenmenschlichen Beziehungen verbindet. Ein mehrere Komponenten umfassendes, phasenbasiertes Vorgehen wird gegenüber einer ausschließlich isoliert traumafokussierten Behandlung bevorzugt.
Welche konkreten Verfahren eingesetzt werden, entscheidet das Behandlungsteam gemeinsam mit den Patient:innen. Zur Behandlung können beispielsweise traumafokussierte psychotherapeutische Methoden sowie Verfahren gehören, die zunächst Fähigkeiten zum Umgang mit starken Emotionen, belastenden Erinnerungen oder zwischenmenschlichen Schwierigkeiten stärken. Die Studienlage zur kPTBS ist noch weniger umfangreich als zur klassischen PTBS; die aktuelle Leitlinie weist deshalb bei mehreren Empfehlungen auf eine begrenzte Evidenzbasis hin.
Behandlung in der Asklepios Klinik Nord
In der Klinik für Persönlichkeits- und Traumafolgestörungen am Standort Ochsenzoll behandeln wir Patient:innen mit komplexen Traumafolgestörungen in unterschiedlichen Behandlungssettings.
Je nach individuellem Bedarf kommen unter anderem tiefenpsychologisch orientierte und verhaltenstherapeutische Verfahren sowie spezifische traumatherapeutische Ansätze zum Einsatz. Ergänzt werden sie durch pflegerische, ergo-, kreativ-, bewegungs- und sozialtherapeutische Angebote.
Die Klinik verbindet bewusst unterschiedliche therapeutische Verfahren und richtet die Behandlung am individuellen Krankheitsbild aus.