Sabine Trautsch
Anmeldung & Auskunft
„Wie können wir an Schnittstellen ansetzen?“, das war der Aufhänger für ein Symposium des Thüringer Essstörungs-Netzwerks e.V. (TEN) gewesen, das kürzlich am Asklepios Fachklinikum Stadtroda stattgefunden hat. „Ziel ist es, Patienten im Anschluss an eine stationäre Therapie ambulant gut weiterzubehandeln und umgekehrt, ambulante Patienten bei Bedarf an eine geeignete Klinik zu vermitteln“, erklärt Oberärztin Dr. Julia Murr vom Asklepios Fachklinikum Stadtroda.
Unter ihrer Leitung war Ende 2023 das Thüringer Essstörungs-Netzwerk e.V. gegründet worden. Von der Plattform sollen vordergründig Patienten profitieren, die an einer Essstörung leiden, egal, ob diese mit extremer Gewichtszunahme oder -abnahme einhergeht.
Zum Beispiel ist die Anorexia nervosa oder „Magersucht“ eine Form der Essstörung. Betroffene haben eine gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers und verweigern aus Furcht vor einer Gewichtszunahme die Aufnahme einer adäquaten Nahrungsmenge.
Dagegen leiden Patienten mit Bulimie unter nicht kontrollierbaren Essattacken, nach welchen sie eine daraus resultierende Gewichtszunahme durch Erbrechen, Medikamentenmissbrauch oder Fasten zu verhindern versuchen. Das Netzwerk soll aber auch für jene da sein, die unter Essstörungen leiden, die zu Adipositas, also enormem Übergewicht, führen. Hier ist etwa die Binge-Eating-Störung zu nennen, die durch heftige Essanfälle ohne anschließende gewichtsregulierende Maßnahmen gekennzeichnet ist.
„Ziel des Netzwerkes ist es, Betroffenen durch eine enge Kooperation verschiedener Institutionen und Berufsgruppen, schneller und nachhaltiger helfen zu können“, sagt Dr. Murr.
Zu dem Symposium kamen Interessierte aus unterschiedlichen medizinischen und pädagogischen Berufsgruppen zusammen. Hauptreferent der Veranstaltung war Prof. Dr. Günter Reich. Der Diplompsychologe, Psychologische Psychotherapeut und Psychoanalytiker arbeitet mit Paaren, Familien, Kindern und Jugendlichen. „Er gab eine hervorragende Übersicht darüber, was Familientherapie bei Essstörungen leisten kann“, sagt Dr. Julia Murr.
Unter den Referenten waren auch Prof. Dr. Florian Zepf, Leiter der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Jena, Dr. Sven Schulz, Stellvertretende Leitung des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Jena und Prof. Dr. Uwe Berger vom Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena sowie Dr. Murr selbst.
Zum Thüringer Essstörungs-Netzwerk e.V. gehören unter anderem Kliniken, ambulant tätige Psychotherapeuten, Hausärzte, Suchtberatungsstellen und Wohngruppen. Durch schnelles Ineinandergreifen der verschiedensten Stellen und Maßnahmen soll vor allem die Zeit zwischen Krankheits- und Behandlungsbeginn verkürzt werden, um chronische oder gar tödliche Krankheitsverläufe zu reduzieren. Zudem soll das Netzwerk auch in Extremsituationen, beispielsweise bei lebensbedrohlichem Körpergewicht, eine adäquate Zusammenarbeit der notwendigen Behandler fördern.
Wie die Versorgung Betroffener verbessert werden kann und worin Chancen liegen, war auch Inhalt der Podiumsdiskussion zum Symposium. Aufgrund der teilweise eintretenden akuten Lebensgefahr, welche von den Betroffenen nicht realistisch eingeschätzt werden kann, ist die Behandlung von Patienten mit Anorexia nervosa besonders schwierig“, betont Dr. Julia Murr. „Hier ist es wichtig, dass ambulant tätige Ärzte und Psychologen wissen, an welche Kliniken, inclusive Spezialambulanzen sie sich wenden können“, unterstreicht sie.
„Charakteristisch für das Krankheitsbild der Anorexia nervosa ist eine sehr ambivalente Therapiemotivation“, sagt Oberärztin Murr, „die Angst vor dem Zunehmen ist oft sehr groß, die Einsicht der Patienten in die körperlichen, psychischen und sozialen Folgen der Erkrankung dagegen krankheitsbedingt gering. Deshalb brauchen wir hier besonders zuverlässige ärztliche und therapeutische Versorgung“. Wenn die Schnittstellen nicht funktionierten, werde es schwierig.
Daher sei es auch wichtig, Lehrer an den weiterführenden Schulen und Berufsschulen für das Thema zu sensibilisieren. „Hier hatte Herr Prof. Dr. Berger in seinem Vortrag einige wissenschaftlich evaluierte Präventionsprogramme für Schulen vorgestellt“, sagt Oberärztin Murr. Es besteht bei Schulen, Kinderärzten und Hausärzten ein großer Wunsch nach Weiterbildung. „Wir erstellen gerade zwei fachspezifische Online-Weiterbildungsangebote, einmal für Psychotherapeuten, einmal für Hausärzte“, sagt sie.
Ein weiterer Aspekt, welcher in der Podiumsdiskussion kurz andiskutiert wurde, ist die Rolle der Künstlichen Intelligenz. Hier gelte es, zu fragen, welchen Einfluss sie auf Jugendliche haben wird und wie man dem begegnen soll. Beispielsweise berichtet Prof. Zepf, dass er es erlebt habe, dass junge Menschen soziale Kontakte durch Dialoge mit einer KI ersetzen und sich somit sozial zunehmend isolieren und den Bezug zur Realität verlieren können.
„Die mittelfristigen Ziele unseres Netzwerks sind es, Transparenz in den bestehenden regionalen Behandlungsangeboten zu schaffen, Vernetzung der verschiedenen Berufsgruppen zu fördern und spezifische Weiterbildungsangebote zu entwickeln. Zudem wollen wir gesundheitspolitisch wirksam werden, um den Betroffenen zu ermöglichen, schnell in Behandlung zu kommen“, insistiert Dr. Murr. Denn: „Je länger die Essstörung dauert, umso schlimmer werden die biologischen Prozesse, die in Gang kommen und die den Teufelskreis aufrechterhalten.“
Zudem sei es wichtig zu verstehen, was die Patienten mit ihren Symptomen ausdrücken wollen. Hinter jeder Essstörung steht eine seelische Not, die ergründet werden will.
Im Aufbau ist derzeit eine Website, die verschiedenste Anlaufstellen, wie z.B. Kliniken, ambulant tätige Psychotherapeuten, Selbsthilfe- oder Angehörigengruppen aufzeigt und Informationen zu den verschiedenen Essstörungen, Therapieformen und Präventionsangeboten zusammenfasst. Das Online-Angebot ist unter: www.ten-ev.de bereits verfügbar und lädt Betroffene, Angehörige und Ratsuchende auch dazu ein, niedrigschwellig Kontakt mit Fachexperten aufzunehmen.
„Unser Anliegen ist es, Ressourcen zu bündeln, Lücken zu erkennen und gemeinsam Wege zu finden, diese zu schließen, um Betroffenen und ihnen Nahestehenden zu helfen, aber auch die Behandler zu entlasten.“ betont Dr. Murr. „Dafür sind wir auf Rückmeldungen angewiesen und hoffen, mit der Website eine Plattform hierfür geschaffen zu haben.“
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