Eher mal das Kind machen lassen! Das klappt schon!

Datum3. März 2026
OrtAsklepios Fachklinikum Brandenburg
  • Dr. Daniel Illy, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Asklepios Fachklinikum Brandenburg gibt Tipps für die herausfordernde Zeit der Pubertät
  • Er sagt ganz klar, wann eine ärztliche Abklärung absolut notwendig wird
  • Bei Suizidgedanken sofort in die Klinik

Was sind denn die gängigen Merkmale der Pubertät?
Ich würde gerne auf der körperlichen Ebene beginnen. Der Körper wird während der Pubertät sozusagen umgebaut vom Kind zum Erwachsenen. Stimmbruch, Körperbehaarung, die Veränderungen an den Geschlechtsorgangen, die erste Menstruationsblutung bei den Mädchen sind so die greifbaren Themen, die natürlich auch oft Angst machen können. Dennoch sind das ganz wichtige biologische Schritte um vom Kind zum Erwachsenen zu werden.
Damit einher gehen auch Änderungen des Verhaltens, der Psyche, der Stimmung. Stimmungsschwankungen sind vor allem ein großes Thema. Es beginnt eine Lebensphase, in der viele Dinge zum ersten Mal wahrgenommen werden, zum Beispiel die erste Verliebtheit und auch das erste Verlassenwerden. Die Pubertät ist geprägt von einer ganz bunten Mischung an verschiedenen Gefühlen.


Und es ist eine Zeit in der man sich gerne auch mal überschätzt?
Absolut, die Risikobereitschaft steigt. Man denkt, man hat die Welt verstanden, so nach dem Motto „Mir kann eh nichts passieren, ich klettere mal hier hoch, mache diese gefährliche Sache.“


Was macht die Pubertät so besonders?
In dieser Zeit wird vieles in uns angelegt, was uns unser ganzes Erwachsenenleben weiter begleiten wird. Wer bin ich? Wen liebe ich? Wo sind meine Stärken? Was sind meine Schwächen? Das Suchen und Finden erlebt Hochkonjunktur. Diese Zeit ist absolut nicht zu unterschätzen.
Für viele Familien ist die Pubertät eine sehr herausfordernde Zeit. Das Kind, das jeden Abend einen Gute-Nacht-Kuss gegeben hat, gibt es plötzlich nicht mehr. Es wird auch für die Eltern schwierig. Ich versuche dann Eltern zu signalisieren, dass das aber eine ganz wichtige Lebensphase ihres Kindes ist. Sie sollten eher nicht daran festhalten, ihr Grundschulkind zu behalten so wie es vor der Pubertät war, sondern ihr Kind dazu befähigen, diesen Entwicklungsschritt zu gehen und vollwertiger Erwachsener zu werden. Das ist wichtig für beide Seiten.
Je weniger ich als Vater oder Mutter meine eigenen störenden Anteile einbringe, festhalte oder in die Konflikte reingehe, desto höher ist dann auch die Chance, dass am Ende der Pubertät ein erwachsener Mensch herauskommt, mit dem ich als Elternteil eine gute Beziehung habe. Mit dem ich mich eben auch später gerne zum Abendessen treffe und erzählen kann.


Was raten Sie denn Eltern, mit diesen Stimmungsschwankungen umzugehen?
Auf jeden Fall ruhig bleiben und an die eigene Jugend denken. Das ist meine wichtigste Message. Eltern sollten einfach mal überlegen „Wie ging es mir damals?“. Das Schöne an der Pubertät ist, dass sie uns so präsent ist, dass wir sie auch im Erwachsenenalter eigentlich ganz gut zurückerinnern. Was hat diese Zeit denn damals mit uns gemacht? Da wird so machem Elternteil einiges klar.
Eltern sollten sich natürlich nicht alles gefallen lassen, darum geht es auch gar nicht. Es ist jedoch sehr hilfreich zu verstehen, warum mein Kind gerade jetzt so ist wie es ist. Eltern sollten ihre eigenen Anteile nach Möglichkeit zurückfahren. Wenn mein Kind nicht mehr mit mir kuscheln will, dann ist das so. Jetzt bin ich als Elternteil dran, mein Kind zu befähigen, später eine gute Partnerschaft zu führen. Und je besser ich das begleite, umso wahrscheinlicher ist die Chance, eine neue Ebene miteinander zu finden. Vielleicht sitzen diese Eltern später mit ihren Kindern am Kaffeetisch und sprechen über Kindererziehung und ihre Meinung ist gefragt. Dann würde ich sagen, ist es gelungen.


Was ist der Unterschied zwischen Mädchen und Jungen? Die pubertieren ja verschieden.
Mädchen starten vor allem früher in die Pubertät. Das hat biologische Gründe. Sie sind häufig vom Kopf her reifer und weiter, auch das hat biologische Gründe. Das ist eigentlich der wesentliche Unterschied.


Wie gelingt es Eltern, mit ihren pubertierenden Kindern in Verbindung zu bleiben?
Die Distanz zum eigenen Kind erscheint in dieser Zeit riesig. Rückzug ist absolut normal und ein Zeichen von Abgrenzung, die ja auch notwendig ist um erwachsen zu werden. Eltern haben dann nicht mehr den Stellenwert, den sie sich vielleicht wünschen. Ich empfehle für diese Zeit eher die lange Leine. Bringen Sie Verständnis auf für Ihren Heranwachsenden. Nehmen Sie nicht alles persönlich. Versuchen Sie in die Klärung zu gehen „Warum hast du dieses oder jenes gemacht?“ Lassen Sie sich Handlungen begründen. Das können und sollten Eltern machen. In eskalierenden Situationen kann man sich auch als Elternteil die Frage stellen „Was ist den jetzt mein Anteil an dieser Situation?“ und „Wie war ich eigentlich in dem Alter?“ Der Fokus auf sich selbst kann tatsächlich helfen. Wenn ich meinem Kind vermittelt habe „Ich bin da! Und egal was ist, du kannst zu mir kommen!“ dann wird das Kind auch kommen. Eher mal das Kind machen lassen, das klappt schon.


Wie wichtig sind Freunde für Kinder und Jugendliche in der Pubertät?
Freunde tun in jedem Alter gut. Eine Peergroup, also ein Freundeskreis ist gesund, der entsteht aber oft von ganz allein. Manchmal klappt das nicht von Anfang an. Meist gibt es gute Gründe, wenn der passende Freund/ Freundin noch nicht gefunden wurde. Vielleicht weiß ich ja als Pubertiende/r noch gar nicht, mit welchen Menschen ich mich umgeben möchte. Vielleicht muss ich mich erst einmal selber finden, danach meine Subkultur und dann die Freunde, die dazu gehören.


Was ist normal und was ist nicht mehr normal in der Pubertät?
Häufige schlechte Laune, Konzentrationsdefizite, Aufschieberitis, sozialer Detox ist alles normal. Nimmt das alles jedoch ein Ausmaß an, was nicht mehr normal ist, Stichwort Depressionen, dann muss erst mal geklärt werden, wie lange das Ganze schon anhält. Bei Depressionen empfehle ich als Augenmaß grundsätzlich zwei Wochen. In der Pubertät ist noch entscheidender ob es einen nachvollziehbaren Auslöser, zum Beispiel eine Trennung gibt. Es wäre zum Beispiel total falsch, nach dem Scheitern einer ersten Liebe die traurige Stimmung sofort zu pathologisieren. Dann ist man natürlich traurig, weil man vielleicht gedacht hat, man hätte den Partner für´s Leben gefunden. Die Erfahrung lehrt ja zum Glück, dass es noch andere Partner gibt und man im Laufe der Zeit herausbekommt, was wirklich wichtig ist. Aber das weiß die oder der 14jährige natürlich noch nicht. Mein Rat an die Eltern: Beobachten Sie erst einmal die seelische Krise. Tauschen Sie sich mit anderen Eltern aus und fragen Sie, wie denn deren Kinder gerade so unterwegs sind. Der Weg zu uns steht immer offen. Es gibt aber auch absolut akute Situationen, die sehr ernst genommen werden müssen. Dazu gehören in jedem Falle Suizidgedanken. Denn die können in der Pubertät auftreten. Wenn eben gerade die Welt zusammengebrochen ist, dann fühlt sich der Heranwachsende schlecht und möchte vielleicht nicht mehr leben. Bitte keinesfalls abwarten. Hier muss sofort gehandelt werden und hier sind wir natürlich zur Stelle.


Jederzeit erreichbar und aufnahmebereit
In der Zentralen Aufnahme der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie werden alle Notfälle und prästationären Patienten der Klinik professionell koordiniert. Ob Vorstellung durch den einweisenden Arzt, Selbstvorstellung oder auch bei Vorstellung durch den Notarzt oder durch die Rettungssanitäter - alle Patienten werden hier in einem Computersystem registriert, erste Untersuchungen und Behandlungen gestartet und alles weiter Notwendige veranlasst. Eine Aufnahme ist rund um die Uhr möglich.

 

Bitte rufen Sie uns jederzeit an: 03381 - 78 1234!

 

Bildquelle: Studio Pellio/Envato