Somatische Belastungsreaktion

Seelische leiden unter körperlichen Symptomen

Somatische Belastungsreaktion

Hinter dem etwas sperrigen Begriff der sog. „Somatischen Belastungsreaktion“ (früher: somatoforme Störung) steht das seelische Leiden unter körperlichen Symptomen. Im Englischen wird das Phänomen auch Bodily Distress Disorder – Körperstress - genannt.

Es geht darum, vom subjektiven Erleben des Körpers eingenommen bis überwältigt zu werden. Ist das, was ich empfinde noch normal oder bedrohlich? Vom subjektiven Empfinden und Erleben verunsichert zu sein, ist ein häufiges Phänomen – denn es gibt keine objektiven Messwerte. Wie sich etwas anfühlt ist zwingend subjektiv, deshalb müssen wir Menschen auch immer mit Unsicherheiten leben und lernen, unseren Empfindungen zu vertrauen. Nicht leicht in einer Welt in der wir uns immer mehr auf technische Werte (z.B. Smartphones, Navigationssysteme) verlassen.

Was ist eine Somatische Belastungsreaktion bei Erwachsenen?

Die Betroffenen leiden unter einem oder meist mehreren körperlichen Symptomen (z.B. Schmerzen, Benommenheit, Schwindel, Magen-Darm-Beschwerden). Die Symptome führen zu häufigen bis permanenten Gedanken, Gefühlen oder Verhaltensweisen, die im Zusammenhang mit diesen körperlichen Beschwerden stehen (Angst, Sorgen, hoher Zeitaufwand).

Die erlebte Bedrohung ist also der eigenen Körper. Dabei geht es gar nicht immer um die Angst vor einer tödlichen Krankheit, sondern die Körpererscheinungen erzwingen die Aufmerksamkeit der Betroffenen. Und das oft derart massiv, dass der Alltag und das Leben zum Erliegen kommen. Während also im „Normalbetrieb“ der Großteil aller Prozesse unterbewusst ablaufen, drängen immer mehr körperliche Ereignisse ins Bewusstsein und stören so das Leben der Betroffenen.

Wie bei den meisten Beschwerden gilt auch hier: Wenn diese Symptome nur kurz auftreten und wieder verschwinden, ist das normal. Ernsthaft oder behandlungsbedürftig werden sie erst, wenn sie dauerhaft anhalten. Die Störung hält in der Regel über einen längeren Zeitraum an, typischerweise mindestens zwei Monate.

Die Diagnose wird unabhängig davon gestellt, ob eine medizinische Ursache für die körperlichen Symptome gefunden bzw. gemessen wurde oder nicht. Entscheidend ist die Reaktion auf die Symptome.

Dabei ist unbedingt der grundlegende Unterschied zwischen der Diagnose körperlicher und psychischer Erkrankungen zu berücksichtigen: Körperliche Diagnosen fußen auf messbaren Veränderungen der materiellen, körperlichen Beschaffenheit – es handelt sich um objektive Befunde zur körperlichen Funktionsweise (z.B. der gemessene erhöhte Blutzucker beim Diabetes).

Die Diagnosen sog. Psychischer Erkrankungen fußen hingegen auf Symptombeschreibungen des subjektiven Erlebens ohne objektive Messbefunde. Ich kann z.B. ein Untergewicht objektiv messen, aber für die Diagnose einer Magersucht braucht es den Bericht des süchtigen Verlangens mager zu sein (Es gäbe noch viele andere subjektive Gründe, warum jemand untergewichtig sein könnte).

Aus diesem Grund finden sich viele Überschneidungen zwischen Störungen, die meist durch ihre Hauptbeschwerden bestimmt werden. Wenn also meine Körperbeschwerden mit der Überzeugung verbunden sind, todbringend erkrankt zu sein, dann sprechen wir nicht von einer unspezifischen somatischen Belastungsreaktion, sondern von einer so genannten „Hypochondrie“. Steht eher die Beschäftigungen mit körperlichen Makeln im Vordergrund wird aktuell von einer „Körperdysmorphen Störung“ gesprochen.

Wie erkennt man eine somatische Belastungsreaktion bei Erwachsenen?

Die Symptome einer somatischen Belastungsreaktion sind vielfältig. Die meisten Betroffenen leiden aber unter einigen der folgenden Symptome:

  • Aufwändige, anhaltende Gedanken über körperliche Symptome.
  • Anhaltende, ausgeprägte Ängste (um die Gesundheit)
  • Exzessiver Zeit-/Energieaufwand mit diesen Symptomen.
  • Häufige Arztbesuche
  • Häufige Kontrolluntersuchungen
  • Depressive Folgeerscheinungen bei Fortbestehen der Symptome (Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung, Erschöpfung, Schlafstörungen, etc.)

Nicht jedes der hier aufgelisteten Symptome muss gleich bedeuten, dass Betroffene an einer somatischen Belastungsreaktion leiden – wie bei allen Störungen des Fühlens ist der eigene Leidensdruck entscheidend: Wie eingeschränkt bin ich in meinem Alltag? Wie eingeschränkt ist meine körperliche Funktionsfähigkeit?

Alternativ können Zeichen von Überforderung auftreten:

  • Erschöpfung
  • Sozialer Rückzug
  • Belastungsvermeidung
  • Schlafstörungen
  • Libido- und Freudverlust

Sollten Sie den Verdacht haben, betroffen zu sein, empfehlen wir Ihnen ein persönliches Gespräch mit einem Arzt oder einer Ärztin Ihres Vertrauens bzw. einem oder einer Psychosomatiker:in oder suchen Sie Beratung in einer unserer psychosomatischen Kliniken.

Wie entsteht eine somatische Belastungsreaktion bei Erwachsenen?

Ursachen treten selten allein auf – meist ist es ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Um den individuellen Hintergrund Ihrer Beschwerden zu klären, empfiehlt sich ein persönliches Gespräch mit einem Facharzt bzw. einer Fachärztin oder Therapeut:innen.

Eine somatische Belastungsreaktion hat vielseitige Ursachen, die tief in der persönlichen Entwicklung eines Menschen verwurzelt sind. Zur besseren Übersicht werden diese häufig in folgende Bereiche unterteilt:

  • Psychosoziale Faktoren, wie Bedrohung, Überforderung, Selbstausbeutung, Stress, Einsamkeit, eine schwierige Lebenssituation
  • Persönlichkeitsmerkmale, die häufig in der Entwicklung durch äußere Einflüsse entstanden sind, wie Ängstlichkeit, hohe Ideale, Erwartungen oder Ansprüche
  • Genetische Veranlagung die Struktur unseres Nervensystems hat wesentlichen Einfuss auf Reizoffenheit, Reizverarbeitung, etc.
  • Neurobiologische Störungen Stoffwechselkrankheiten u.a. des Nervensystems, Hormonstörungen

Darüber hinaus können verschiedenste Konstellationen Angstreaktionen auslösen. Dazu zählen vor allem herausfordernde Lebensphasen mit großen Umstellungsanforderungen: Geburten, Verluste (Tod, Trennung, etc.), Verlassen gewohnter Umgebungen, Krankheiten und Lebensphasenwechsel (Auszug von Zuhause, Abschluss der Ausbildung, Familiengründung, Midlifereflektionen, Ausscheiden aus dem Arbeitsleben).

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Wie wird eine somatische Belastungsreaktion bei Erwachsenen behandelt?

Optimal ist eine Psychosomatische Komplextherapie aus Psychotherapie, Kreativtherapie, Sozialtherapie, Körpertherapie inkl. Physiotherapie und Sport sowie bei Bedarf medikamentöser Unterstützung – im Einzel- und Gruppensetting. Der Behandlungsplan wird individuell und gemeinsam mit Ihnen abgestimmt.

Psychotherapie

Was macht mich aus? Warum reagiere ich so, wie ich reagiere? Was löst in mir bestimmte Gefühle oder Verhaltensweisen aus? Genau diesen Fragen gehen wir in der Psychotherapie gemeinsam mit Ihnen nach – in einem offenen, persönlichen Gespräch, das Raum gibt für alles, was Sie bewegt.

Die Wege dorthin sind vielfältig: Psychodynamische Verfahren wie Psychoanalyse oder tiefenpsychologische Therapie, Verhaltenstherapie, Schematherapie, DBT, Gesprächstherapie nach Rogers und systemische Therapie zählen ebenso dazu wie spezialisierte traumatherapeutische Ansätze wie EMDR.

In einem geschützten, vertraulichen Rahmen können Sie sich selbst erleben, reflektieren – und ausprobieren. Denn Veränderung beginnt mit Selbstkenntnis. Sie müssen nicht jemand anderes werden. Aber Sie können lernen, besser mit sich selbst umzugehen und Ihre eigenen Möglichkeiten zu nutzen.

Medikamente

Manchmal braucht es zunächst etwas Entlastung: Spannungslösende Medikamente können in belastenden Phasen eine wichtige Stütze sein. Gleichzeitig wissen wir, dass Gefühle und Empfindungen wichtige Wegweiser sind – sie zu spüren, ist langfristig ein wesentlicher Teil der Heilung. Welche Medikation für Sie passend sein könnte, erkunden wir gemeinsam.

Kreativtherapie

Wir kennen uns selbst manchmal weniger, als wir denken. In der Kreativtherapie geht es darum, über bekannte Grenzen hinauszugehen und die eigene Welt zu erweitern. Tanz- und Bewegungstherapie, Theatertherapie, Körpererlebnistherapien wie Feldenkrais oder Shiatsu, Kunsttherapie und Musiktherapie — sie alle bieten Wege, den eigenen Körper und die Welt neu und spielerisch zu erleben. Durch achtsames Ausprobieren tauchen Ressourcen auf, die lange verborgen lagen. Der kreative Raum kennt dabei keine engen Grenzen: Mäandern, Spazierengehen, therapeutisches Boxen, gemeinsames Spielen und vieles mehr. Neue Wege sind kein Luxus — sie sind notwendig, damit leidvolle Muster nicht immer wieder die Oberhand gewinnen.

Ernährung

Die Art, wie wir essen, erzählt viel – über uns, über unser Miteinander und über unseren Respekt gegenüber der Welt. Probieren wir aus? Nehmen wir uns Zeit? Teilen wir? Achten wir aufeinander? Schonen wir Ressourcen? Setzen wir uns gemeinsam an den Tisch? Was ist gut für mich? Wir greifen diese Fragen auf, treffen Absprachen, erproben Rezepte in der Lehrküche und erschließen uns das Thema Ernährung Schritt für Schritt – gemeinsam.

Naturheilverfahren

Zu unserem ganzheitlichen, bio-psycho-sozial ausgerichteten Behandlungskonzept gehört auch der ergänzende Einsatz von Naturheilverfahren. Das schließt Phytotherapie (Heilpflanzen), Hydrotherapie (z.B. Bäder, Auflagen, Wickel), Bewegungstherapie, Ordnungstherapie (z.B. Psychoedukation, soziotherapeutische Gespräche, Entspannungsverfahren) sowie Ernährungsberatung und Ohr-Akupunktur ein.

Häufige Fragen

Körperliche und psychische Erkrankungen unterscheiden sich in einem wichtigen Punkt.

Körperliche Erkrankungen können oft durch Untersuchungen oder Messungen festgestellt werden. Zum Beispiel kann man bei Diabetes einen erhöhten Blutzucker messen.

Psychische Erkrankungen beruhen dagegen vor allem auf dem, was Menschen über ihr Erleben berichten. Gefühle, Gedanken und innere Erfahrungen lassen sich nicht wie Blutwerte messen.

Jeder Mensch erlebt die Welt anders. Dieses persönliche Erleben ist zunächst nicht krank oder falsch. Wichtig ist vielmehr, ob jemand darunter leidet oder sich Veränderung wünscht.

Oft sprechen wir von einer psychischen Störung, wenn etwas nicht mehr so funktioniert wie früher. Dinge, die einmal leicht waren, werden schwierig. Der Vergleich erfolgt dabei mit dem eigenen Leben und nicht mit anderen Menschen.

Untergewicht ist ein gutes Beispiel: Das Gewicht kann gemessen werden. Ob zusätzlich eine Magersucht vorliegt, hängt davon ab, welche Gedanken und Gefühle damit verbunden sind. Erst wenn diese zu Problemen oder Leid führen, spricht man von einer Erkrankung.

Wenn Menschen durch ihr Erleben eingeschränkt werden und darunter leiden, kann eine psychische Störung vorliegen.

Nur Sie selbst können entscheiden, ob Sie Hilfe brauchen.

Wenn Sie unter Ihrer Situation leiden oder im Alltag nicht mehr gut zurechtkommen, kann es sinnvoll sein, Unterstützung zu suchen. Welche Hilfe für Sie passend ist, finden Sie oft durch Gespräche mit anderen Menschen oder mit unseren Fachleuten heraus. Die Entscheidung bleibt aber immer bei Ihnen: Was möchten Sie als Nächstes tun oder ausprobieren?

In der Psychosomatik legen wir die Behandlung nicht einfach fest. Wir besprechen gemeinsam, was für Sie sinnvoll und hilfreich sein könnte.

Dafür gibt es Vorgespräche und diagnostische Gespräche. Gemeinsam schauen wir, welche Unterstützung gebraucht wird und welche nächsten Schritte passen könnten.

Das dauert manchmal etwas länger, als wenn jemand einfach entscheidet. Dafür entsteht ein Plan, hinter dem Sie selbst stehen können.

Denn das Ziel einer psychosomatischen Therapie ist nicht, dass andere Ihr Leben für Sie regeln, sondern dass Sie Ihre eigenen Möglichkeiten stärken. Deshalb ist sie immer auch Hilfe zur Selbsthilfe.

Üblicherweise übernimmt die Krankenversicherung die Behandlung. In einigen Fällen muss vor Einleitung der Behandlung eine Kostenübernahme beantragt werden. Aber auch das wird in den vorbereitenden Gesprächen gemeinsam geplant und umgesetzt.

Wie lange eine Behandlung dauert, ist von Mensch zu Mensch verschieden.

Deshalb wird die Behandlungsdauer gemeinsam im Verlauf der Therapie festgelegt. In der Psychosomatik dauert eine Behandlung häufig zwischen vier und zwölf Wochen.

Wichtig ist: Die Behandlung kann so lange stattfinden, wie sie medizinisch notwendig ist. Wenn eine einfachere oder weniger intensive Behandlung, zum Beispiel ambulant, ausreicht, wird diese bevorzugt.

Ob Medikamente für Sie sinnvoll sind, entscheiden Sie selbst.

Wir erklären Ihnen, welche Möglichkeiten Medikamente bieten und wo ihre Grenzen liegen. Falls eine medikamentöse Behandlung infrage kommt, werden zunächst die notwendigen Untersuchungen durchgeführt.

Medikamente können psychische Störungen nicht heilen. Sie können aber helfen, Beschwerden zu lindern und schwierige Zeiten besser zu bewältigen.

Ein Beispiel: Ein Beruhigungsmittel beseitigt eine Flugangst nicht, kann aber helfen, einen Flug leichter durchzustehen.

Die psychosomatische Klinik ist vor allem für Menschen da, die sich in einer akuten Krise befinden und zeitnah Unterstützung benötigen.

In der psychosomatischen Rehabilitation geht es dagegen hauptsächlich darum, die berufliche Belastbarkeit zu erhalten oder wiederherzustellen.

Wie lange die Wartezeit ist, hängt von der aktuellen Nachfrage ab und kann unterschiedlich sein. Die aktuellen Wartezeiten erfahren Sie auf Anfrage.

In Notfällen erfolgt die Behandlung sofort.

Wie gut die Erfolgsaussichten sind, hängt davon ab, welche Ziele Sie für sich haben. Für die meisten Menschen gilt: Es gibt gute Chancen, Unterstützung zu erhalten und eine positive Veränderung zu erleben.

Manche Menschen erleben nur eine einzelne Krise im Leben. Andere haben wiederkehrende schwierige Phasen. Wieder andere benötigen dauerhaft Unterstützung. Alle diese Wege sind möglich und keiner davon schließt ein erfülltes Leben aus.

Es gibt immer Möglichkeiten, die eigene Situation zu verbessern und neue Perspektiven zu entwickeln.

Während Ihrer Behandlung lernen wir gemeinsam, was Ihnen hilft und Sie stärkt. Diese hilfreichen Faktoren können Sie im Alltag unterstützen und Sicherheit geben.

Gleichzeitig entstehen durch die Behandlung mehr Orientierung und Vertrauen in eigene Erfahrungen. Falls es später noch einmal zu einer Krise kommt, wissen Sie bereits, wo Sie Unterstützung finden und wie Sie Hilfe bekommen können.