Psychosomatische Störungen
Psychosomatische Störungen
Wie entsteht eine Psychosomatische Störungen bei Erwachsenen?
Die Frage nach der Ursache jeweiliger Störungen wie Essstörungen, Erschöpfungssyndromen, somatisierten Angststörungen, somatischen Belastungsreaktionen, u.a. ist eine Frage nach der Entstehung sog. Psychischer oder Psychosomatischer Störungen.
Zunächst können wir keine objektiven, messbaren Kriterien für eine Psychische Störung definieren wie oben beschrieben. Also gibt es Psychische Krankheiten eigentlich nach materiellen Gesichtspunkten gar nicht. Aber ich leide doch!
Psychische Störungen sind also erst einmal als Abweichung von meiner persönlichen Norm zu verstehen. Etwas, was mir früher möglich war, gelingt nicht mehr – ich bin also mein eigener Messpunkt.
Es handelt sich bei der Psychosomatik um eine streng subjektive Medizin mit mir als Referenzpunkt
Die Ursachen als Mensch aus dem Gleichgewicht gebracht zu werden, denn das ist die allgemeine Ursache jeder „Störung“, sind so vielfältig wie das Leben selbst.
Nie gibt es nicht nur eine Ursache oder Einflussfaktor, sondern es wirken immer mehrere Faktoren zusammen. In persönlichen Gesprächen mit einem Facharzt oder Therapeuten (und anderen Patienten, Freunden und Familie!) können Sie sich dem individuellen Hintergrund Ihrer psychosomatischen Erkrankung nähern.
Die Ursachen psychosomatischer Erkrankungen sind immer vielfältig und absolut individuell. Die Symptome wie ein depressiver Rückzug ins Innere oder Panik sind keine Krankheit, sondern Signale oder Ausdruck eines Ungleichgewichts. Angst ist z.B. unsere Alarmanlage, Depression unser Rückzugsmodus (stand by), die nur zum Problem werden, wenn sie sich verselbständigen oder festfahren.
Was hat Einfluss auf unser Gleichgewicht?
- Psychosoziale Faktoren, wie Stress, Isolation/Einsamkeit, eine belastende Lebenssituation, Armut, Wirkungslosigkeit/Ohnmacht,
- Genetische Veranlagung, die Neuroarchitektur und Beschaffenheit ist individuell und variationsreich: Jedes Gehirn hat seine Stärken und Schwächen und Verarbeitungsmöglichkeiten!
- Persönlichkeitsmerkmale, die häufig in der Entwicklung durch äußere Einflüsse entstanden sind, wie Ängstlichkeit, geringes Selbstwertgefühl – unsere Prägungen entscheiden was aus unserer genetischen Veranlagung wird.
- Neurobiologische Störungen Stoffwechselkrankheiten des Nervensystems, wie Hormonstörungen, Vitaminmangel, etc.
Zusammenfassend ist eine sog. Psychische oder Psychosomatische Störung eine Gleichgewichtsstörung zwischen unseren individuellen Bedürfnissen und den Umweltbedingungen.
Auf der Suche nach den Ursachen (nicht umsonst liebt der Mensch Detektivgeschichten) müssen wir uns zunächst fragen: Wie lauten die richtigen Fragen?
Wenn ich erschöpft bin, mich kraftlos fühle (obwohl ich Muskeln habe) und mich nicht mehr erholen kann, obwohl ich ganz viel ausruhe und schlafe – was ist es denn, was mich erschöpft? Was trägt meine Veranlagung dazu bei? Welche Umweltanforderung, resp. Erwartungen anderer fordern mich? Was erschöpft mich wirklich? Und warum bin ich nicht wirksam und kann nichts ändern?
Schreit Angst und Panik mich an, obwohl sonst niemand Gefahr sieht – welche Gefahr nehme ich wahr? Ist meine Alarmanlage zu empfindlich (Genetik)? Reagiere ich stark (Trigger) aufgrund prägender Erfahrungen? Werde ich nur ausreichend gehört, wenn der Alarm laut ist?
Die ganze Wahrheit
Dabei ist der Weg kein einfacher. Die Idee mich einfach reparieren zu lassen, klingt verlockend. Ein bisschen Geduld und schwupp – alles wieder ok. Aber diese Reparatur käme einer Gehirnwäsche gleich – wir wären einfach schlagartig jemand anderes. Denn die Störungen unseres Gleichgewichts liegen in der Natur der Sache. Wenn sich alle nach mir und meinen Bedürfnissen richteten, wäre ich in einem vielleicht paradiesischen Gleichgewicht. Nur bin ich ja nicht allein…
Und ich bin nicht nur ein Opfer unfairer Umstände. Sich selbst besser kennenzulernen, bedeutet auch Opfer- wie Täteranteilen zu begegnen. Man mag nicht immer alles, was man entdeckt. Manchmal halten wir an irgendetwas so fest, dass wir eher leiden als nachzugeben. Sich selbst zu entdecken ist so auch immer eine Suche nach dem sogenannten Krankheitsgewinn: Warum scheint meinem Geist und Körper die Erschöpfung, Panik, was auch immer als bester Kompromiss?
Psychosomatische Ursachensuche ist ein Statement gegen Monokausalität und ein Fokus auf unsere Einzigartigkeit. Es ist hilfreich die eigenen Grenzen und Möglichkeiten kennenzulernen.
Wir leben in unserer eigenen (ganz subjektiven) Welt. Unser Gehirn stellt dabei die Schlüssigkeit / Kohärenz einer Geschichte über die physikalischen und biologischen Fakten - und so erleben wir uns in einer Welt des Schmerzes oder der Angst oder des Kampfes mit dem Hunger usw.. Wir brauchen dann die Begegnung mit anderen, um uns wieder zu verorten, um uns wieder wahrnehmen zu können, wahrnehmen zu können, wo wir eigentlich stehen.
Was ist der Unterschied zwischen der Diagnose von körperlichen und psychischen Erkrankungen?
Es ist unbedingt der grundlegende Unterschied zwischen der Diagnose körperlicher und psychischer Erkrankungen zu berücksichtigen: Körperliche Diagnosen fußen auf messbaren Veränderungen der materiellen, körperlichen Beschaffenheit und körperlichen Integrität – es handelt sich um objektive Befunde (untersucherunabhängige Befundergebnisse) zur körperlichen Funktionsweise (z.B. der gemessene Blutzucker oder das Körpergewicht).
Die Diagnosen sog. „Psychischer Erkrankungen“ fußen hingegen auf Symptombeschreibungen des subjektiven Erlebens (untersucherabhängige Befunde) ohne objektive Messbefunde. Wie wir uns fühlen, hängt dabei nicht nur von unfassbar vielen Faktoren ab, es kann auch nie „falsch“ oder „krank“ sein. Ich erlebe (die Welt und meinen Körper) wie ich ihn eben erlebe. Entscheidend ist, wie ich mein persönliches Erleben einschätze – leide ich und wünsche Veränderung oder erfreue ich mich daran? Ob wir etwas als eine Störung einschätzen, hängt von gesellschaftlichen wie unseren Erwartungen und Vorstellungen ab (Kategorisiert von der WHO im ICF – International Classification of Functioning). Und ob unser Erleben oder unsere Verhaltensweisen zum Problem werden, hängt immer auch vom Umfeld ab und dessen Anforderungen an uns ab.
Sogenannte „Psychische Störungen“ sind also erst einmal als Abweichung von meiner persönlichen Norm zu verstehen. Etwas, was mir früher möglich war, gelingt nicht mehr – ich bin also mein eigener Messpunkt. Oder etwas, das früher kein Problem war, ist unter den neuen Lebensbedingungen nicht mehr möglich.
Ich kann z.B. ein Untergewicht objektiv messen, aber für die Diagnose einer Magersucht braucht es den Bericht eines süchtigen Verlangens mager zu sein (Es gäbe noch viele andere subjektive Gründe, warum jemand untergewichtig sein könnte). Erst, wenn mich das z.B. subjektive Bedürfnis immer unabhängiger vom Essen oder meinem Verlangen zu sein und/oder vielleicht dünner als der Rest der Welt zu sein, in Not bringt, kann ich von einer Erkrankung sprechen. Wenn ich für mich erkenne, ich schädige mich (warum auch immer) selbst. Ohne dieses subjektive Erleben handelt es sich einfach nur um Untergewicht… und während in Zeiten des Überflusses es ein Vorteil sein kann, flink, beweglich und unabhängig zu bleiben, ist es in Zeichen des Mangels und Krise eine fehlende Reserve - Kontext, Kontext, Kontext!
Wenn ich also Fähigkeiten, Möglichkeiten und Spielräume verliere, ich leide, in meinem Umfeld nicht gut zurechtkomme, dann kann von einer „Störung des Erlebens“ gesprochen werden.
Anmerkung zu sogenannten psychosomatischen und psychischen Erkrankungen:
Es ist unbedingt der grundlegende Unterschied zwischen der Diagnose körperlicher und psychischer Erkrankungen zu berücksichtigen: Körperliche Diagnosen fußen auf messbaren Veränderungen der materiellen, körperlichen Beschaffenheit und körperlichen Integrität – es handelt sich um objektive Befunde (untersucherunabhängige Befundergebnisse) zur körperlichen Funktionsweise (z.B. der gemessene Blutzucker oder das Körpergewicht).
Die Diagnosen sog. „Psychischer Erkrankungen“ fußen hingegen auf Symptombeschreibungen des subjektiven Erlebens (untersucherabhängige Befunde) ohne objektive Messbefunde. Wie wir uns fühlen, hängt dabei nicht nur von unfassbar vielen Faktoren ab, es kann auch nie „falsch“ oder „krank“ sein. Ich erlebe (die Welt und meinen Körper) wie ich ihn eben erlebe. Entscheidend ist, wie ich mein persönliches Erleben einschätze – leide ich und wünsche Veränderung oder erfreue ich mich daran? Ob wir etwas als eine Störung einschätzen, hängt von gesellschaftlichen wie unseren Erwartungen und Vorstellungen ab (Kategorisiert von der WHO im ICF – International Classification of Functioning). Und ob unser Erleben oder unsere Verhaltensweisen zum Problem werden, hängt immer auch vom Umfeld ab und dessen Anforderungen an uns ab.
Sogenannte „Psychische Störungen“ sind also erst einmal als Abweichung von meiner persönlichen Norm zu verstehen. Etwas, was mir früher möglich war, gelingt nicht mehr – ich bin also mein eigener Messpunkt. Oder etwas, das früher kein Problem war, ist unter den neuen Lebensbedingungen nicht mehr möglich.
Ich kann z.B. ein Untergewicht objektiv messen, aber für die Diagnose einer Magersucht braucht es den Bericht eines süchtigen Verlangens mager zu sein (Es gäbe noch viele andere subjektive Gründe, warum jemand untergewichtig sein könnte). Erst, wenn mich das z.B. subjektive Bedürfnis immer unabhängiger vom Essen oder meinem Verlangen zu sein und/oder vielleicht dünner als der Rest der Welt zu sein, in Not bringt, kann ich von einer Erkrankung sprechen. Wenn ich für mich erkenne, ich schädige mich (warum auch immer) selbst. Ohne dieses subjektive Erleben handelt es sich einfach nur um Untergewicht… und während in Zeiten des Überflusses es ein Vorteil sein kann, flink, beweglich und unabhängig zu bleiben, ist es in Zeichen des Mangels und Krise eine fehlende Reserve - Kontext, Kontext, Kontext!
Wenn ich also Fähigkeiten, Möglichkeiten und Spielräume verliere, ich leide, in meinem Umfeld nicht gut zurechtkomme, dann kann von einer „Störung des Erlebens“ gesprochen werden.
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Was sind Grundaffekte?
Die Interaktion mit der Umwelt zeigt bei allen Lebewesen, und besonders bei uns Säugetieren, eine komplexe Gestaltung und Steuerung. Während unsere Fähigkeit über die Welt und uns nachzudenken außerordentlich komplex ausgebildet, aber sehr energiefordernd und langsam ist, verfügen wir über sogenannte Affekte, die eine schnelle und unmittelbare Kommunikation mit der Umwelt ermöglichen. Ich spüre sofort, ob ich mich wohl fühle, mich etwas wütend macht oder ich mich freue. Die Affekte ermöglichen mir eine schnelle Bewegung entlang meines „Bauchgefühls“ – ohne viel nachzudenken.
Grundaffekte tief im Gehirn (Hirnstamm) verankert:
- Suchen (Seeking): Das grundlegendste System. Es treibt Neugier, Erkundung und das Streben nach Belohnung an. Es ist mit dem Gefühl von Enthusiasmus verbunden.
- Wut/Zorn (Rage): Reagiert auf Frustration, Einschränkung und das Verwehren von Zielen.
- Angst (Fear): Eine Reaktion auf Bedrohung, die Vermeidungsverhalten auslöst.
- Lust/Pflege (Lust/Care): Ein System, das mit sozialer Bindung, Fürsorge und nährendem Verhalten zu tun hat.
- Panik/Trauer (Panic/Grief): Entsteht bei Trennung von Bezugspersonen (sozialer Verlust) und führt zu Trennungsschmerz.
- Spiel (Play): Fördert soziale Interaktionen, Lernen und Bindung durch spielerisches Verhalten.
- Ekel (Disgust): Eine Abwehrreaktion, ursprünglich gegen verunreinigte Nahrung, die sich auch auf soziale Situationen beziehen kann.
(Quelle: the Hidden Spring. Mark Solms)
Diese Affekte bestimmen mein Fühlen in der Welt und in der Begegnung mit der Welt und anderen. Auch steuere ich mit ihrer Hilfe Nähe und Distanz zu anderen.
Was ist der Unterschied zwischen Psychosomatik und Psychiatrie?
In welchem Fachgebiet finde ich die für mich richtige Behandlung und was unterscheidet eigentlich die Psychosomatik von der Psychiatrie?
Die Antwort ist wie immer einfach und kompliziert zu zugleich.
Einfach:
In der Psychiatrie werden seelische Leiden behandelt, in der Psychosomatik körperliche Leiden, die einen wesentlichen seelischen Ursprung haben.
Komplizierter:
Die Geschichte der Psychiatrie beginnt mit den Bemühungen die Kranken insgesamt systematischer und besser zu versorgen im Zeitalter der Aufklärung. In der Psychiatrie werden sog. „Erkrankungen des Geistes und der Seele“ behandelt. D.h. Menschen, die sich psychisch erkrankt fühlen und im Leben deshalb ohne Hilfe nicht mehr gut zurechtkommen, finden in der Psychiatrie Hilfe. Das waren schon immer über die Jahrhunderte Menschen, die z.B. die Umgebung ungewöhnlich verarbeitet haben, Dinge gesehen haben, die die meisten nicht sahen, Stimmen hörten („Besessenheit“, „Wahnsinn“; heute: Psychosen), Süchten verfallen waren oder in der Melancholie versanken und nicht mehr am Leben teilnehmen konnten. Im Kern hat sich in der Psychiatrie immer um die seelisch verwundeten und angeschlagenen gekümmert (abhängig von der Kultur und Zeit mit unterschiedlicher Hingabe) und hat mit der Zeit einen sozialpsychiatrischen Schwerpunkt entwickelt. Weg von der Inhaftierung hin zu einer wohnortnahen, differenzierten Versorgung bestehend aus stationärer und ambulanter psychiatrischer Versorgung, betreutem Wohnen, häuslicher Versorgung und vielem mehr.
Die Psychosomatik ist hingegen ein eher junges Fachgebiet, das sich im letzten Jahrhundert aus der somatischen Medizin entwickelt hat. Mit der Technisierung der Medizin verschwand die Berücksichtigung der seelischen und sozialen Einflussfaktoren bei Entstehung und Verlauf körperlicher Erkrankungen aus dem Blick der Schulmediziner und deren Alltag. man war begeistert von den technischen Möglichkeiten und „reparierte“ den Menschen.
Es waren dann vorwiegend Internisten, die bei der Behandlung des kindlichen Asthmas, der chronischen Magenleiden, der Herzinfarkte der Manager, der Hauterkrankungen, uvm. feststellten, dass eine erfolgreiche Behandlung und Besserung ohne Berücksichtigung der seelischen und sozialen Faktoren nicht möglich ist.
In der ersten Welle der Begeisterung wurden sogar bestimmte Persönlichkeiten herausgearbeitet, die zu bestimmten körperlichen Erkrankungen neigen würden. Es wurden in den 50er Jahren die „Heiligen Chicago 7“ ausgerufen - sieben allseits bekannte und häufige körperliche Erkrankungen, die seelisch bedingt seien (Asthma, Bluthochdruck, Magengeschwür, Colitis ulcerosa, Neurodermitis, Rheuma, Schilddrüsenüberfunktion). Diese einfachen Zuschreibungen hielten einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand, aber eine Erkenntnis der Psychosomatik blieb bestehen: trotz aller technischer Reparaturmöglichkeiten verlangen Krankheiten eine ganzheitliche Betrachtung, weil sie immer Ergebnis unzähliger Einflüsse sind. Das einfache Reparaturparadigma der Schulmedizin kann unsere Komplexität und Individualität nicht erfassen.
Wenn ich also z.B. ein Magengeschwür habe, dann muss ich selbstverständlich den Magen betrachten, die gereizte, entzündete Schleimhaut mit Säureblockern schützen und ggf. eine Bakterienbesiedlung durch den Helicobacter pylori mit Antibiotika behandeln. Ignoriere ich aber den Kontext der Entstehung (warum gerade jetzt?), riskiere ich Rückfälle oder Verschlechterungen.
Noch komplizierter: Während die Psychiatrie regional im staatlichen Versorgungsauftrag ein komplexes Hilfesystem von der Behandlung auf geschützten Stationen über täglichen Behandlung im häuslichen Rahmen über betreutes Wohnen und Hilfen in den eigenen vier Wänden bis hin zur ambulanten Beratung für die Bevölkerung anbietet (jeder hat ein Anrecht auf Behandlung in seinem Sektor), liegt der zentrale Behandlungsschwerpunkt der Psychosomatik auf der sog. „Psychosomatischen Komplextherapie“.
Die Psychosomatische Komplextherapie ist ein im Kern psychotherapeutisches Verfahren, das mit Hilfe verschiedener Zugangswege („multimodal“, „multiprofessionell“) den Menschen in seiner Krise zu erfassen und zu behandeln versucht. Dabei soll vor allem der Erlebnisraum erweitert werden: In Kreativtherapie probiert sich der Mensch in einem geschützten Rahmen aus, bewegt sich (Tanz- und Bewegungstherapie), spielt (Theatertherapie), malt und gestaltet (Kunsttherapie), tönt (Musiktherapie), denkt und redet (Psychotherapie) und probiert sich in all dem immer wieder aus: Wer bin ich? Warum bin ich da, wo ich bin? Was macht mich aus, was macht meine Krise oder Krankheit aus? Wer will ich sein? Wer kann ich sein?
Die Psychosomatik ist so zu einem Spezialgebiet geworden, das aktuell zwischen Psychiatrie und Somatik liegt, aber eigentlich ein Fach sein sollte, das vollständig in die Medizin integriert ist und bei jeder Erkrankung Berücksichtigung findet. Es geht also nicht darum, ob jemand „verrückt“ ist, sondern welche seelischen Faktoren bei der jeweiligen Erkrankung und für die Genesung eine Rolle spielen.
Was ist die Göttinger Erklärung?
No health without mental health!
Krankheit ist kein isolierter Funktionsausfall oder –defekt, sondern nur im Kontext des Geworden-Seins des jeweiligen Menschen zu verstehen. Jede Erkrankung ist ein singuläres, komplexes Ereignis, das nur multiperspektivisch verstanden werden kann und für das es keine einfachen, schnellen und schon gar nicht universellen, monokausalen Antworten gibt. Ohne Berücksichtigung der Subjektivität des kontextuellen Erlebens ergibt die Behandlung des objektiven Körpers keinen Sinn. Das Paradigma „alles, was technisch möglich ist“ hilft dem einzelnen Menschen nicht und führt zum Kollaps des Gesundheitswesens. Die Psychosomatische Medizin ist die Erinnerung an eine ursprünglich holistische Herangehensweise in einer aktuell vom Reparatur-Paradigma dominierten Medizin.
Es ist die Aufgabe der Psychosomatischen Medizin diese komplexe, personalisierte Perspektive zu vertreten und einfache Antworten zu hinterfragen. Dies gilt für somatische Zusammenhänge ebenso wie für Psychosomatische Kausalitäten und Theorien – Komplexität und Widersprüche sind auszuhalten, einer reinen Maschinenperspektive ist ebenso zu widersprechen wie einer simplen Psychologisierung körperlicher Phänomene.
Dazu verlangt es eine Haltung des Zuhörens, der Ruhe, des Suchens und nicht des Bescheid-Wissens, der Neugierde und nicht der Festlegung in einem dafür geeigneten Raum:
Schutz, Neutralität, Abstinenz, Ärztliche Leitung, Teamarbeit, Supervision, Behandlungsplanabstimmung mit dem Patienten und eine personalisierte psychosomatisch-psychotherapeutische Komplexbehandlung
Schutzraum: Eine Auseinandersetzung mit der persönlichen Not des Patienten ist nur möglich, wenn dieser sich sicher fühlt. Das stellt spezifische Anforderungen an die Umgebung und Ausstattung einer Psychosomatischen Abteilung:
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- Abgeschiedenheit: eine reizarme, ruhige und sichere Umgebung ist notwendige Voraussetzung.
- Verschwiegenheit: Die Verschwiegenheit aller Beteiligter ist Grundlage für ein freies Sprechen; dies erfordert auch eine spezifische Berücksichtigung im Daten- und Schallschutz.
- Architektur: Die Behandlungsräume liegen in ruhiger, geschützter Umgebung; die Patientenzimmer erlauben Rückzug und Ruhe, störungsspezifische Einrichtungen sind zu berücksichtigen; es werden grundsätzlich unterschiedliche altersgemäße Begegnungsräume angeboten. Die Therapieräume sind die „OP’s“ der Psychosomatik - diese sind entsprechend funktional und in ausreichender Größe für die jeweiligen Berufsgruppen und Therapieangebote einzurichten.
Neutralitätsgebot: Wertschätzung und Annahme bestimmen unser Handeln; der Patient wird in seiner Krise begleitet, Therapie ist keine Pädagogik. Wir bemühen uns um eine neutrale Haltung der Welt des Patienten gegenüber, alles Erleben ist subjektiv. Der Patient definiert die Behandlungsziele in Zusammenarbeit mit uns. Jede psychosomatische Behandlung ist freiwillig.
Abstinenzgebot: Der Patient kommt mit einer „Verwundung“ in einer geschwächten Situation. Die Behandler nutzen dies nicht für eigene Interessen aus. Dies schließt die Indikationsstellung und Therapieplanung ebenso ein wie ein Verbot privater Kontakte oder die Erfüllung persönlicher Wünsche.
Ärztliche Leitung: Die Integration und gleichwertige Berücksichtigung körperlicher und seelischer Faktoren verlangt eine ärztliche Abteilungs- und Stationsleitung (CÄ und OÄ für Psychosomatische Medizin). Jede Teambesprechung wird mindestens von einer Fachärzt:in/approbierten Psychotherapeut:in geleitet; eine Ärzt:in muss immer anwesend sein.
Teamarbeit: Psychosomatische Störungen können aufgrund ihrer Subjektivität und Intersubjektivität nur von mehreren Schultern getragen und gemeinsam behandelt werden, die Subjektivität des Psychischen kann nur sinnvoll von der „Schwarmintelligenz“ des Teams verstanden werden. Eine qualitativ hochwertige Arbeit mit Patienten braucht eine ausreichende „Personaldichte“ (PPP-RL) in interdisziplinären, multiprofessionellen möglichst kleinen (max. 10 Personen) Teams. Dabei sind folgende Qualifikationen und/oder Berufsgruppen vorzuhalten: ÄrztIn, PsychologIn, Kreativtherapie (Körpertherapie, Tanz- und Bewegungstherapie, Theatertherapie, Musiktherapie, Kunsttherapie, u.a.), Pflegekraft/MFA, Sport/PhysiotherapeutIn, Ernährungsberatung/Ökotrophologie, Sozialdienst.
Supervision: wir wissen nicht, was wir nicht wissen und widerstehen einfachen Kausalitäten - wir benötigen den Blick von außen, die Diskussion auf Augenhöhe, um alle wichtigen Facetten der Patienten zusammenzutragen und selbst stabil zu bleiben. Jeder Mensch ist einzigartig, jede Behandlungssituation ein komplexe Zusammenspiel aus zahlreichen Einfüssen.
Eine fallbezogene Selbsterfahrung, in der die Behandlungen regelmäßig reflektiert werden, ist aufgrund der Subjektivität und der persönlichen Beteiligung (das Erleben der Behandler ist Teil des Instrumentariums) notwendig; es stehen ausreichende Ressourcen für die regelmäßige interne Supervision der Mitarbeiter zur Verfügung.
Personalisierte Behandlungsstruktur und -inhalt: Eine psychosomatische Behandlung verlangt die Anwendung der Psychosomatisch-psychotherapeutischen Komplexbehandlung nach OPS. Es erfolgt eine fokusgeleitete, individualisierte Behandlung im Rahmen eines mit dem Patienten entwickelten Gesamtbehandlungsplans. Eine stationäre psychosomatische Komplextherapie ist eine Hochdosispsychotherapietherapie - dabei ist für eine gute Wirksamkeit eine ausgewogene Abstimmung von Therapiezeiten, nachfolgende Pausen und Ruhezeiten zu beachten.