Zielgruppe: Medizinische Berufe
Fortbildungskurs Psychosomatische Grundversorgung
Fachklinikum Tiefenbrunn, Sozialzentrum
17. April 2026

Wir laden Sie herzlich zum 9. Göttinger Symposium Traumatherapie ein. Auch 2026 haben wir ein hochaktuelles und klinisch relevantes Thema gewählt:
Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) und Bindungsstörungen sind bei der komplexen PTBS untrennbar miteinander verbunden. Bindung wirkt als zentraler Schutzfaktor gegen die Chronifizierung einer PTBS und kann einen entscheidenden Beitrag zur Gesundung leisten. Liebe kann Resilienz stärken, wird jedoch durch Traumatisierungen häufig in ihren Grundlagen – Nähe, Vertrauen und Sexualität – verletzt. Für das Symposium konnten wir acht ausgewiesene Expertinnen und Experten gewinnen. Sie werden neueste wissenschaftliche und klinische Entwicklungen vorstellen:
Am Freitagnachmittag stehen praxisorientierte Workshops zur Auswahl, die Ihre klinische Kompetenz gezielt vertiefen sollen.
Wir freuen uns auf den Austausch und die Begegnung mit Ihnen!
Sabine Schinschke Willy Herbold Ulrich Sachsse
Stephanie Müller Bianca Wagner Dominika Mandrek-Ewers
Wir können aus Raumgründen die Teilnehmerzahl nicht erhöhen; Sie können deshalb auch nicht spontan anreisen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!
DGKIP e.V.
- Sekretariat -
Bunsenstr. 17
37073 Göttingen
E-Mail: info@dgkip.de
Sabine Schinschke / Jochen-Thomas Werner
Der Workshop „Liebe – Bindung und frühkindliche Traumatisierung“ widmet sich der zentralen Frage, wie frühe Bindungserfahrungen und traumatische Ereignisse die Fähigkeit zur Liebe und Beziehungsbildung prägen. Im Fokus steht die wissenschaftlich fundierte Analyse, welche Spuren Traumata in der kindlichen Entwicklung hinterlassen und wie sich diese auf das spätere Bindungs- und Beziehungsverhalten auswirken.
Das interdisziplinäre Veranstaltungsformat integriert aktuelle Erkenntnisse aus Psychotherapie, Psychologie, Soziologie und Neurowissenschaften. Auf diese Weise erhalten die Teilnehmenden einen umfassenden Einblick in die Grundlagen sicherer und unsicherer Bindungsentwicklung, in verschiedene Modelle von Liebe und Beziehung sowie in die Bedeutung empathischer Kommunikation.
Veranschaulicht werden die Inhalte durch praxisnahe Fallbeispiele, die die psychischen und kognitiven Folgen früher Traumatisierung sowie gesellschaftliche und familiäre Einflussfaktoren beleuchten.
Ziel des Workshops ist es, zentrale Zusammenhänge zwischen Liebe, Bindung und Trauma herauszuarbeiten und aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse für die klinische Praxis und den gesellschaftlichen Diskurs nutzbar zu machen. Neben methodisch aufbereiteten Inhalten wird ein Forum für den Austausch zu therapeutischen Herausforderungen, Ressourcen und narrativen Prozessen geboten.
Der Ablauf des Workshops umfasst zwei wissenschaftliche Fachvorträge: Einen aus psychotherapeutischer und einen aus sozial- und kulturwissenschaftlicher Perspektive, gefolgt von Kleingruppenarbeit mit Fallanalysen und einem aktiven kollegialen Erfahrungsaustausch.
Den Abschluss des Workshops bilden persönliche Berichte von Betroffenen, die einen authentischen Einblick in die Lebensrealität nach frühkindlicher Traumatisierung gewähren.
Die Teilnehmenden erhalten auf diese Weise eine differenzierte Übersicht über die frühe Entwicklung, Bindungsprozesse und die Folgen von Traumata und lernen, dieses Wissen gezielt in Diagnostik und Therapie einzusetzen.
Svenja Taubner
Komplexe PTBS ist eine neue Störungseinheit, die erst kürzlich durch das ICD-11 eingeführt wurde. Die neue Diagnose bezeichnet Personen, die wiederholten oder chronischen Traumatisierungen ausgesetzt waren und sowohl Symptome einer klassischen PTBS aufweisen als auch Symptome, die mit einer Störung des Selbst oder der Selbstorganisation einhergehen. Aktuelle existieren noch keine Leitlinien für de Behandlung der kPTBS. Expert:innen empfehlen Therapien, die die Selbststeuerung (Emotionsregulation und Stresstoleranz) adressieren und mit Trauma-fokussierten Interventionen verbinden (Maercker et al., 2022). Vor diesem Hintergrund hat eine internationale Arbeitsgruppe eine Intervention aus der Mentalisierungsbasierten Therapie mit Trauma-Fokus (MBT-TF) entwickelt und in ersten Studien implementiert. MBT-TF ist eine Gruppenintervention, die mit Exposition ausgewählter Trauma-Ereignisse besonders an der dysfunktionalen Scham und Selbstisolation von Trauma-Überlebenden ansetzt. Im Workshop werden Setting, Interventionen und Haltung der Therapeut:innen anhand von Fallbeispielen erläutert.
Lea A. Kasper
Tiergestützte Psychotherapie kann als Methodik innerhalb psychotherapeutischer Behandlungen verstanden werden. Sie wird bereits seit längerem in der Behandlung von Patient:innen mit Traumafolgestörungen eingesetzt und erfährt in der Praxis positive Rückmeldungen.
Unter der Perspektive der MBT spielt dabei sowohl die Mentalisierung des eigenen inneren Erlebens als auch die der anderen – hier verkörpert durch das Tier – eine zentrale Rolle. Über das Tier kann ein individueller Zugang zu Emotionen, Beziehungserleben und Körpererleben gefunden werden. Zugleich stellt die Anwesenheit des Tieres eine wertvolle Ressource im Hier und Jetzt dar und eröffnet die Möglichkeit, Traumaexposition auf eine sichere und haltgebende Weise zu gestalten.
Dominika Mandrek-Ewers
Schwere Bindungstraumatisierungen sind in den Biographien von Menschen mit Abhängigkeitsstörungen häufig zu finden. Sie gehören zu den langandauernden Typ-II-Traumata („man made trauma“) und entstehen durch Gewalt, Zurückweisung oder Ablehnung im Bindungssystem, in dem die Betroffenen leben. Im klinischen Alltag werden sie meist „en passant“ erfasst und nur selten spezifisch diagnostisch und therapeutisch adressiert. Subtile und komplexe Traumatisierungen sowie ein polymorphes, diffuses Störungsbild erschweren Diagnostik und spezifische Therapie. Eine Vielzahl unterschiedlichster psychischer Symptome ist auf Bindungstraumata zurückzuführen. Sie halten langfristig und erfolgreich Suchtmechanismen aufrecht.
Im Workshop wird ein klinisch entwickeltes, kognitiv-verhaltenstherapeutisch basiertes 4- Phasenkonzept zur Behandlung von Bindungstraumata vermittelt, eingebettet in das „Göttinger Modell“. Bindungstraumata werden gezielt diagnostiziert und konfrontativ bearbeitet. Der Kern der Behandlung ist die Traumasynthese, Aktivierung und Konsolidierung von Bindungsressourcen sowie Integration der Ergebnisse der Traumasynthese bilden einen weiteren Therapiefokus.
Es entstehen relevante störungsspezifische und -übergreifende Effekte, das posttraumatische Wachstum wird gefördert.
Patientenvignetten und methodisches Vorgehen werden im Rahmen des Workshops vorgestellt und diskutiert. Filmaufnahmen aus Behandlungen sollen kurz- und langfristige Therapieverläufe verdeutlichen.
Ulrich Sachsse
Viele Menschen mit Grundstörung (Balint), „früher Störung“ (SO Hoffmann) oder Bindungstrauma, Typ-D-Bindungsstörung haben keine Objektkonstanz, können nicht internalisieren und „behalten“. Therapeut:innen wirken, wenn und solange sie anwesend sind. Wenn sie fort sind, sind sie innerlich nicht erreichbar. Solche Therapien führen oft schnell zu guten Besserungen, stagnieren dann aber, bei einer Beendigung gibt es massive Rückfälle. Therapeut:innen sind wie ein Bindungs-Substitut: nicht Entwicklung fördernd, aber unentbehrlich. Sollten wir solche Patient:innen adoptieren? Sollten wir sie über Ambulante Hilfen selbst betreuen? Gibt es Ablösungsstrategien? Oder müssen wir mit diesen Patient:innen als Pflegekindern langjährig leben?
Willy Herbold-Schaar
Die Revision der ICD markiert einen historischen Einschnitt in die Regeln für die Diagnostik der Persönlichkeitsstörungen. Die Stigmatisierung durch das bisherige kategoriale Modell weicht einem dimensionalen Modell, in dem die gestörten Persönlichkeitsfunktionen beschreibbar werden und mit dem auch die Betroffenen arbeiten können, weil sie sich darin unmittelbar wiederfinden.
Beate Steiner
Der Kern der menschlichen Erfahrung, so machen die Neurowissenschaften deutlich, liegt in unserer Fähigkeit, Gefühle zu modulieren. Sie geht aber besonders bei Beziehungstraumatisierung verloren. Deshalb muss und sollte das Kerngeschehen der verschiedenen psychotherapeutischen Verfahren sein, emotionale selbstregulatorische Prozesse anzuregen, ihre Entwicklung zu fördern, was auch noch im Erwachsenenalter möglich ist.
Genau das versuchen auch wir in der Katathym imaginativen Psychotraumatherapie (KIPT) zu realisieren. Wie wir das tun, das möchte ich in dem Workshop aufzeigen, und deutlich machen, wie emotionale Regulierung durch Stärkung der Selbstheilungskräfte, bzw. ihrer Wiedergewinnung und dem Schaffen von Sicherheit auf verschiedenen Ebenen erreicht werden kann.
Bianca Wagner
In der Traumatherapie werden zunehmend Berichte über psychische, physische und teils schwere sexualisierte Gewalt durch Frauen aus verschiedenen sozialen Bezügen berichtet. Täterschaft durch Frauen wird dabei oft als besonders verstörend empfunden, teils auch ausgeblendet, werden Frauen doch in der Regel als liebende, schützende Mutter, stets wohlwollende Bezugsperson etc. idealisiert. Patient:innen berichten von Traumatisierungen durch Frauen aus der Erfahrung heraus meist erst im späteren Therapieverlauf aus der Sorge heraus, ihnen werde nicht geglaubt. Auch wird oft von ambivalenten Sichtweisen der Patient:innen auf das Geschehene berichtet, zuweilen fühle sich das durch eine Frau verursachte Trauma besonders schwerwiegend an, manchmal wird dieses bagatellisiert. In der Literatur zur Traumatherapie wird (sexualisierte) Gewalt durch Frauen in der Regel nicht aufgegriffen, dafür bedarf es der gezielten Suche nach diesem Thema.
Durch diesen praxis- und erfahrungsorientierten Workshop soll (sexualisierte) Gewalt durch Frauen weiter in die Diskussion und Behandlung gebracht werden. Explizite Beispiele aus der psychotherapeutischen Arbeit sollen aufgegriffen und mögliche Abläufe in der therapeutischen Arbeit skizziert werden. Darüber hinaus kann hinsichtlich des Themenkomplexes „Frauen als Täterinnen“ gemeinsam reflektiert werden.
Beate Priewasser
Der Workshop stellt Grow Together vor – ein wissenschaftlich evaluiertes, beziehungs‑ und bindungsorientiertes Programm für hochbelastete Familien. Es richtet sich an Eltern von Säuglingen, die selbst Erfahrungen mit Gewalt, Vernachlässigung, Armut oder Sucht gemacht haben, und unterstützt sie darin, ihren Kindern sichere Bindungserfahrungen sowie eine gesunde psychosoziale Entwicklung zu ermöglichen.
Eine erste Begleitstudie mit einer kleinen Stichprobe von zehn Kindern zeigte Entwicklungsverläufe im Normbereich und überwiegend sichere Eltern‑Kind‑Bindungen. Trotz der begrenzten Fallzahl liefern diese Ergebnisse erste Hinweise darauf, dass das Programm dazu beitragen kann, die transgenerationale Weitergabe von traumabezogenen Belastungen präventiv zu unterbrechen.
Im Mittelpunkt des Workshops steht eine qualitative Studie, die den Blick auf wahrgenommene Wirkmechanismen sowie Bedingungen gelingender Veränderungsprozesse richtet. Als zentral erwiesen sich dabei die professionelle und wertschätzende Haltung der Fachkräfte sowie das von Grow Together aufgebaute Netzwerk, das familienzentrierte Unterstützung bündelt und für Kontinuität sorgt.
Der multimodale Ansatz des Programms – bestehend aus aufsuchender Begleitung, Eltern‑Kind‑Gruppen, Einzelpsychotherapie und alltagspraktischer Unterstützung – wird konsequent bindungsorientiert und humanistisch umgesetzt. Dadurch entsteht ein kohärentes Unterstützungsangebot, das Familien in belastenden Lebenslagen stabilisiert und nachhaltige Entwicklungsimpulse ermöglicht.
Francesca Scarpinato-Hirt
Dieser Workshop stellt die Ideal Parent Figure-Methode (IPF) vor, entwickelt von Daniel P. Brown und David S. Elliott und beschrieben im Standardwerk Attachment Disturbances in Adults (2016). IPF baut auf den Grundannahmen der klassischen Attachment Theory (z. B. durch John Bowlby) auf: Dass in der frühen Kindheit stabile, feinfühlige, responsive Bezugspersonen wesentlich sind für die Entwicklung eines gesunden Bindungsstils. Der Ansatz verbindet psychotherapeutische Methoden mit meditativen/imaginative Verfahren - u. a. beeinflusst durch buddhistische Meditationstechniken und Hypnotherapie. Mithilfe imaginierter „idealer Eltern“ werden korrigierende Bindungserfahrungen ermöglicht, um neue, positive Bindungserfahrungen neurobiologisch und innerpsychisch zu etablieren. Pilotstudien (u. a. Brown & Elliott, 2016; Parra et al., 2017) zeigen vielversprechende Effekte auf Bindungssicherheit, Emotionsregulation und Symptomreduktion bei komplexer Traumatisierung.
Im Rahmen des Workshops erfolgt zunächst eine kurze theoretische Erläuterung der Grundlagen. Im Anschluss daran werden die zentralen Qualitäten sicherer Bindung (Schutz, Resonanz, Feinfühligkeit) in Form einer Demonstration mit hypnotherapeutischen leichten Trancezuständen erfahrbar gemacht. Im weiteren Verlauf werden die Unterschiede zur Inneren-Kind-Arbeit erörtert. Die Teilnehmenden erhalten praxisnahe Impulse zur Anwendung in stabilisierenden und bindungsorientierten Therapie- und Beratungssettings.
Zielgruppe: Medizinische Berufe
Fachklinikum Tiefenbrunn, Sozialzentrum
17. April 2026