Asklepios Fachklinikum Göttingen

Kinder psychisch kranker Eltern

Herausforderungen und Wege zur Unterstützung

Kinder psychisch kranker Eltern

Wenn ein Elternteil an einer psychischen Erkrankung leidet, beeinflusst das nicht nur den erkrankten Menschen selbst, sondern oft die gesamte Familie – insbesondere die Kinder. Ob Depressionen, Angststörungen, Suchterkrankungen oder andere psychische Belastungen: Kinder psychisch kranker Eltern sind mit einer Vielzahl an Herausforderungen konfrontiert, die ihre Entwicklung, ihr emotionales Wohlbefinden und ihr soziales Leben betreffen. Oft fehlt es ihnen an Erklärungen, Stabilität und Unterstützung in ihrem Umfeld. So tragen sie ein erhöhtes Risiko, selbst psychische oder soziale Probleme zu entwickeln.

In den folgenden Abschnitte informieren Expert:innen von Asklepios Sie über die Risiken, denen Kinder in solchen Familien ausgesetzt sind. Gleichzeitig wollen wir aufzeigen, welche Unterstützungsmöglichkeiten und Schutzfaktoren Kindern helfen können, gesund aufzuwachsen. Von vorbeugenden Maßnahmen bis hin zu familienzentrierten Hilfen – hier erfahren Sie, wie Kinder und ihre Familien gestärkt werden können.

Zögern Sie nicht, Unterstützung in einer unserer Einrichtungen zu suchen. Unsere Fachkräfte sind mit langjährigen Erfahrungswerten, Kompetenz und viel Einfühlungsvermögen für betroffene Kinder und Familien da.

Welche Risiken tragen Kinder psychisch erkrankter Eltern?

Entwicklungsrisiken – wenn die kindliche Entwicklung ins Stocken gerät

Ist ein Elternteil oder sind beide Eltern von einer psychischen Erkrankung betroffen, kann dies die Entwicklung ihrer Kinder verzögern oder hemmen. Dies ist besonders dann der Fall, wenn die Eltern in den ersten Lebensjahren ihres Kindes aufgrund ihrer Erkrankung nicht auf die kindlichen Bedürfnisse eingehen können. Kinder erleben zudem oft, wie Bindungen unsicher werden oder sich ganz auflösen, und dies beeinträchtigt ihre emotionale und soziale Entwicklung. So können sie in der Folge Schwierigkeiten haben, selbst Beziehungen zu anderen aufzubauen oder ihre Gefühle angemessen zu regulieren. Oder es tauchen Probleme im schulischen Umfeld auf.

Psychische Belastungen – wenn Kinder Verantwortung übernehmen müssen

Ein häufiges Phänomen in betroffenen Familien ist die sogenannte Parentifizierung (von den lateinischen Begriffen „parentes“ für „Eltern“ und „facere“ für „machen“). Hier übernehmen Kinder die Rolle der Eltern: Sie betreuen zum Beispiel ihre Eltern oder ihre Geschwister oder organisieren den gesamten Haushalt – und zwar über ein Maß hinaus, das für das betroffene Kind förderlich ist. Kinder, die solcherart mit „Erwachsenenaufgaben“ überfordert werden, leiden unter einem enormen emotionalen Stress. Sie entwickeln Schuldgefühle, fühlen sich verantwortlich für die elterliche Gesundheit und vernachlässigen dabei ihre eigenen Bedürfnisse. Dies kann langfristig zu psychischen Problemen wie Depressionen oder Angststörungen führen.

Soziale Herausforderungen – Isolation und Stigmatisierung

Kinder psychisch kranker Eltern leiden häufig unter sozialer Isolation. Die Tabuisierung der elterlichen Erkrankung und die Angst vor Stigmatisierung führen oft dazu, dass sie ihre Sorgen nicht mit anderen teilen oder ihre Situation gezielt verheimlichen. Dadurch fehlen ihnen unterstützende soziale Kontakte und positive Beziehungserfahrungen. Diese Isolation kann das Gefühl der Einsamkeit verstärken und den Zugang zu Hilfe erschweren.

Risiko der Vernachlässigung – wenn die elterlichen Ressourcen nicht ausreichen

Die psychische Erkrankung eines Elternteils kann dazu führen, dass die Bedürfnisse der Kinder komplett in den Hintergrund treten. Dies erhöht das Risiko von Vernachlässigung, sei es emotional oder in der Grundversorgung. Kinder können sich ungeliebt und unsicher fühlen, was ihre psychische Stabilität gefährdet. Verhalten sich die Eltern zum Beispiel sehr impulsiv, kann dies das Kind überfordern. In schweren Fällen kann es auch zu Misshandlungen durch die Eltern kommen.

Wie können Kinder psychisch erkrankter Eltern gestärkt werden?

Stabile Beziehungen – ein sicherer Anker für Kinder

Eine feste Bindung zu mindestens einer verlässlichen Bezugsperson ist ein entscheidender Schutzfaktor für Kinder psychisch erkrankter Eltern. Diese Person kann der gesunde Elternteil, ein Familienmitglied oder auch eine andere enge Bezugsperson sein. Wichtig ist, dass diese Person den Kindern Sicherheit, Stabilität und emotionale Unterstützung bietet. Selbst einfache Rituale wie gemeinsame Mahlzeiten oder regelmäßige Gespräche können das Gefühl von Normalität und Geborgenheit vermitteln. Kinder, die erleben, dass ihre Bedürfnisse wahrgenommen und ernst genommen werden, entwickeln ein höheres Selbstwertgefühl und sind besser dazu in der Lage, mit Belastungen umzugehen.

Gemeinschaftliche Ressourcen – Unterstützung von außen

Ein stabiles Umfeld außerhalb der Familie kann für Kinder eine wichtige Rolle spielen. Angebote wie Kinder- und Jugendgruppen, Sportvereine oder schulische Programme schaffen nicht nur soziale Kontakte, sondern geben Kindern auch die Möglichkeit, ihre Sorgen zu teilen und neue Strategien zu erlernen, mit ihrer Situation umzugehen. Besonders hilfreich sind speziell für Kinder psychisch erkrankter Eltern entwickelte Gruppen, in denen sie Gleichaltrige mit ähnlichen Erfahrungen treffen können. Diese Programme fördern nicht nur den Austausch, sondern bieten auch Elemente der Psychoedukation (von lat. educare: erziehen). Dabei lernen die Kinder zum Beispiel etwas über die Erkrankung ihrer Eltern. So können sie deren Verhalten besser einordnen und ihre eigene Situation besser verstehen.

Resilienz – die innere Stärke fördern

Manche Kinder zeigen trotz schwieriger Umstände eine hohe Widerstandsfähigkeit. Diese sogenannte Resilienz lässt sich gezielt fördern. Etwa, indem das Kind kreative Tätigkeiten ausübt, Sport treibt oder neue Fähigkeiten erlernt.  Solche Aktivitäten steigern das Selbstbewusstsein und helfen den Kindern, Herausforderungen besser zu bewältigen. Eine hohe Selbstwirksamkeitsüberzeugung – also das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten – ist besonders wertvoll: Kinder profitieren von einem positiven Selbstbild, einer guten Kommunikationsfähigkeit und der Fähigkeit, Problemlösungen zu finden.

Externe Unterstützung – wenn Hilfe zur Verfügung steht

Fachkräfte wie Lehrer:innen, Erzieher:innen oder Sozialpädagog:innen können entscheidende Unterstützung bieten. Denn sie sind oft die ersten, die Anzeichen von Belastungen bei ihren Schützlingen wahrnehmen. So können sie Kinder behutsam nach ihrer Situation fragen und gezielt an entsprechende Hilfsangebote weiterleiten. Engagierte Fachkräfte schaffen ein offenes Umfeld, in dem sich Kinder sicher und verstanden fühlen.

Wie können Kinder die elterliche Erkrankung besser verstehen?

Offene Kommunikation – Kindern Raum für Fragen geben

Kinder psychisch kranker Eltern spüren oft, dass etwas nicht stimmt, verstehen die Situation aber nicht. Eine offene und altersgerechte Kommunikation hilft ihnen, das Verhalten der Eltern einzuordnen und Ängste oder Schuldgefühle abzubauen. Zum Beispiel können Eltern erklären: „Mama ist krank und braucht manchmal mehr Ruhe. Das hat aber nichts mit dir zu tun.“ Auch Formulierungen wie „Ich bin traurig, weil es mir nicht gut geht, aber das wird wieder besser“ können Kindern ein Gefühl von Sicherheit vermitteln. Außerdem sollten Eltern und Pflegepersonen den Kindern aktiv anbieten, mit ihnen über ihre Fragen und Sorgen in Bezug auf die Erkrankung zu sprechen.

Psychoedukation – Wissen als Schutzfaktor

Psychoedukation, also die Aufklärung über psychische Erkrankungen, ist ein zentraler Schutzfaktor. Kinder, die verstehen, dass die Krankheit nichts mit ihnen zu tun hat, fühlen sich weniger verantwortlich und entwickeln ein besseres Selbstwertgefühl. Für jüngere Kinder können Geschichten oder Bilderbücher genutzt werden, um das Thema kindgerecht aufzugreifen. Jugendliche hingegen profitieren von Gesprächen, die ihre eigenen Sorgen und Fragen einbeziehen, wie etwa: „Kann ich später auch krank werden?“

Stigma reduzieren – ein Tabu brechen

Psychische Erkrankungen sind oft mit Scham behaftet und werden von der Gesellschaft stigmatisiert. Eltern können durch Offenheit ein Vorbild sein und zeigen, dass es in Ordnung ist, über Probleme zu sprechen. Sie könnten zum Beispiel sagen: „Es ist nichts Falsches daran, Hilfe zu bekommen. Es hilft uns allen, besser zurechtzukommen.“ Auf diese Weise lernen Kinder, dass sie nicht allein sind und sich nicht verstecken müssen.

Durch klare Worte, Geduld und einfühlsame Kommunikation können Eltern und Betreuungspersonen den Grundstein für ein besseres Verständnis und eine stärkere Resilienz legen.

Welche Hilfen gibt es für Kinder psychisch kranker Eltern?

Gemeinschaftsprogramme – Unterstützung durch die Gesellschaft

In vielen Regionen gibt es Programme, die speziell auf die Bedürfnisse von Kindern psychisch erkrankter Eltern ausgerichtet sind. Kindergruppen, die an Beratungsstellen oder Kliniken angebunden sind, bieten betroffenen Kindern einen sicheren Raum, um sich auszutauschen und ihre Resilienz zu stärken. Diese Gruppen kombinieren oft kreative Elemente wie Malen oder Rollenspiele mit psychoedukativen Ansätzen. Kinder berichten, dass sie sich hier weniger allein fühlen und dass sie lernen, besser mit den Herausforderungen umzugehen.

Gesundheitswesen – medizinische und therapeutische Unterstützung

Das Gesundheitswesen bietet vielfältige Unterstützungsangebote. Neben der psychiatrischen Versorgung der Eltern gibt es spezialisierte Kinder- und Jugendpsychiatrien, die in ihrer Arbeit das Hauptaugenmerk auf die familiären Zusammenhänge legen. Hier können Kinder und Eltern gemeinsam Diagnosen und Behandlungsansätze besprechen. Ambulante systemische Familientherapien ermöglichen es, die gesamte Familie in den Heilungsprozess einzubeziehen.

Familienzentrierte Initiativen – gemeinsam stark durch die Krise

Familienzentrierte Angebote wie Eltern-Kind-Tageskliniken oder Home-Treatment-Programme (also eine Behandlung zu Hause) bieten gezielte Unterstützung im familiären Zusammenhang. Diese Initiativen helfen nicht nur den Eltern, sondern schaffen auch eine stabilere Umgebung für die Kinder. Sie kombinieren Prävention und Therapie und geben Kindern die Möglichkeit, ihre Erlebnisse in einem geschützten Rahmen zu teilen.

Niedrigschwellige Angebote – Hilfe ohne Hürden

Sogenannte Peers und Genesungsbegleiter:innen haben selbst psychische Krisen oder Erkrankungen erlebt. Mit dieser besonderen Expertise unterstützen sie Eltern und Kinder in ihrem Alltag. Diese Form der Hilfe ist besonders niedrigschwellig, denn oftmals fällt es Betroffenen leichter, sich Menschen anzuvertrauen, die ihre Situation aus eigener Erfahrung nachvollziehen können.

Wie können wir betroffene Familien gemeinsam unterstützen?

Kinder brauchen ein tragfähiges Netzwerk

Kinder, deren Eltern psychisch erkrankt sind, profitieren enorm von einem stabilen Netzwerk aus Familie, Fachkräften und Gemeinschaftsangeboten. Schulen, Kitas und Vereine spielen eine zentrale Rolle, um Kindern verlässliche Ankerpunkte im Alltag zu bieten. Sie können helfen, soziale Isolation zu vermeiden, und geben den Kindern Raum für Entwicklung und Austausch.

Zusammenarbeit stärkt alle Beteiligten

Eine enge Zusammenarbeit zwischen Gesundheitswesen, Jugendhilfe und sozialen Einrichtungen ermöglicht eine passgenaue Unterstützung für die gesamte Familie. Interdisziplinäre Ansätze, etwa die systemische Familientherapie, stellen sicher, dass die Bedürfnisse aller Familienmitglieder berücksichtigt werden.

Nutzen Sie bestehende Angebote

Eltern, Angehörige und Fachkräfte sollten nicht zögern, auf bestehende Angebote zurückzugreifen. Beratungsstellen, Selbsthilfegruppen oder Online-Plattformen bieten wertvolle Unterstützung. Wenden Sie sich bei Fragen gerne an die medizinischen Einrichtungen von Asklepios. Gemeinsam können wir betroffene Kinder und Familien stärken.