Die Geriatrie am Asklepios Klinikum Schwalmstadt hat einen neuen Chefarzt
Deutschlands Bevölkerung wird immer älter. Mit steigender Lebenserwartung wächst jedoch auch das Risiko altersbedingter Erkrankungen und Einschränkungen. Die Geriatrie gewinnt daher zunehmend an Bedeutung und viele Kliniken bauen ihre Angebote gezielt aus, um den besonderen Bedürfnissen älterer Patienten gerecht zu werden. Auch das Asklepios Klinikum Schwalmstadt ist in diesem Bereich gut aufgestellt. Seit Anfang März leitet Chefarzt Pablo Adrian Ruiz hier die Geriatrie sowie die dazugehörige Tagesklinik. Im Interview spricht er über die Besonderheiten seines Fachgebiets, die damit verbundenen Herausforderungen und seine Pläne für die zukünftige Entwicklung der Abteilung.
Herr Ruiz, was ist für Sie das Faszinierende an Ihrem Fachbereich und wo liegen die besonderen Herausforderungen in der Geriatrie?
Das Spannende in der Geriatrie ist die multidimensionale Arbeit in einem interdisziplinären Team. Unsere Patienten sind häufig multimorbid, leiden also gleichzeitig an mehreren Erkrankungen und Einschränkungen. Deshalb ist die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen innerhalb der Klinik besonders wichtig. Zu unserem geriatrischen Team gehören neben Ärzten auch speziell geschulte geriatrische Pflegekräfte, Fachkräfte aus Ergo- und Physiotherapie, Psychotherapeuten, Logopäden sowie der Sozialdienst für das Entlassungsmanagement. So können wir Diagnostik und Therapie sehr differenziert und individuell auf jeden einzelnen Patienten abstimmen. Gleichzeitig erweitert die enge Zusammenarbeit auch den eigenen fachlichen Blick – als Internist kenne ich mich mittlerweile mit allen möglichen Frakturen aus (lacht). Genau diese Verbindung aus medizinischer Tiefe, ganzheitlichem Blick und fachübergreifendem Austausch macht die Arbeit für mich so besonders.
Sie verfügen über langjährige Erfahrung im Bereich der Geriatrie. Was unterscheidet den Standort in Schwalmstadt von Ihren bisherigen Arbeitsstellen?
Zuletzt war ich Chefarzt der Geriatrie an einer Klinik am Bodensee und habe dort mit meinem Team eine geriatrische Abteilung neu aufgebaut, nachdem sie in der Pandemie geschlossen wurde. Das war sehr spannend, doch in Schwalmstadt habe ich eine große geriatrische Abteilung mit 54 Betten, eine angegliederte Tagesklinik für die teilstationäre Behandlung mit zwölf Plätzen und ein tolles Team vorgefunden, von dem ich mit offenen Armen empfangen wurde. Zudem verfügen wir hier über ein zertifiziertes Alterstraumazentrum, also eine spezielle Einrichtung für die Versorgung älterer Patienten nach Frakturen oder Unfällen. Hier arbeiten Unfallchirurgen, Orthopäden und Geriater Hand in Hand. Das kannte ich bisher nur als Projekt in der Planungsphase. Insgesamt spreche ich meiner Vorgängerin Kathrina Hennighausen einen großen Dank aus. Sie hat die Abteilung gut voran gebracht und das Team hervorragend eingespielt, was mir den Einstieg hier in Schwalmstadt wirklich erleichtert.
Wie sehen die Behandlungsziele und -methoden Ihrer Abteilung aus?
Unser Therapieansatz basiert auf einer individualisierten Komplexbehandlung mit mindestens 14 stationären Behandlungstagen und in der Regel zwei Therapieeinheiten pro Tag. Da die Behandlung immer auf den einzelnen Patienten abgestimmt ist, richtet sie sich nach der jeweiligen Diagnose. Ziel ist es, Mobilität, Funktion, Eigenständigkeit und Lebensqualität möglichst lange zu erhalten.
Der Diagnostik kommt also eine wichtige Rolle zu. Wie sind Sie dafür in Schwalmstadt aufgestellt?
Wir sind diagnostisch sehr gut aufgestellt und können bildgebende Verfahren wie MRT, CT und endoskopische Untersuchungen direkt vor Ort durchführen. Besonders wichtig sind aber die regelmäßigen Assessments, mit denen Gesundheitszustand, funktionelle Fähigkeiten und Risiken systematisch erfasst werden. Vier Basis-Assessments gehören bereits zur Anamnese: Selbsthilfefähigkeit, Mobilität, Kognition und Emotion. Denn es gibt keine feste Definition für einen geriatrischen Patienten, das Alter ist nur eine Zahl. Manche sind mit 90 Jahren noch topfit, während andere mit 70 bettlägerig sind. Daher ist das geriatrische Screening besonders wichtig. So prüfen wir, ob tatsächlich eine geriatrische Indikation vorliegt. Je nach Ergebnis folgen weitere Screenings, um Defizite oder Fortschritte zu erkennen und die Therapie gezielt anzupassen.
Zu guter Letzt: Was ist Ihnen für die Zukunft der geriatrischen Versorgung in Ihrer Abteilung besonders wichtig?
Ein persönliches Projekt ist der Aufbau eines spezialisierten Delir-Teams. Ein Delir ist ein akuter Verwirrtheitszustand mit Störungen von Aufmerksamkeit, Bewusstsein und Wachheit. Im Unterschied zur chronisch verlaufenden Demenz tritt ein Delir plötzlich auf und kann mit starker Unruhe, Schläfrigkeit oder auch aggressivem Verhalten einhergehen. Auslöser sind häufig Operationen, Narkosen, Infektionen, Elektrolytstörungen oder ein Ortswechsel. Da ein Delir oft schwer zu erkennen und zu behandeln ist, soll ein interdisziplinäres Team Risikopatienten frühzeitig identifizieren und gezielt betreuen. Ferner ist mir ein guter Austausch mit den niedergelassenen Ärzten wichtig, weil sie die Patienten oft seit vielen Jahren kennen und wertvolle Informationen zur Vorgeschichte, Medikation und weiteren Behandlung einbringen können. Das hilft uns, die Versorgung auch über den Klinikaufenthalt hinaus gut abzustimmen.
Zur Person
Pablo Adrian Ruiz stammt aus Buenos Aires in Argentinien, wo er auch sein Medizinstudium absolvierte. Er ist Facharzt für Innere Medizin und leitete bereits mehre geriatrische Abteilungen in Deutschland, zuletzt die Geriatrie einer Klinik am Bodensee. Davor war er insgesamt zehn Jahre an zwei geriatrischen Kliniken in Berlin tätig. Ruiz lebt in Kassel und findet außerhalb seines Berufsalltags einen Ausgleich in der Natur. Besonders gerne verbringt er Zeit mit seinem Hund, ist begeisterter Wassersportler und wandert leidenschaftlich gern.