Rehabilitation bei Multiple Sklerose (MS)

Die Rehabilitation von Patienten mit Multipler Sklerose (MS) ist seit über 20 Jahren ein Behandlungsschwerpunkt unserer Klinik in Seesen. Die Besonderheiten dieser Autoimmunerkrankung des zentralen Nervensystems - früher Beginn, "multiple", also mehrfache, Entzündungsherde und ein prinzipiell fortschreitender Verlauf - erfordern vom gesamten Behandlungsteam ein besonders hohes Maß an medizinischen und therapeutischen Kenntnissen. Um dies zu gewährleisten machen unsere Mitarbeiter regelmäßig spezifische interne und externe Weiterbildungen zur MS-Behandlung.

Unsere Klinik wurde zum 01.04.2016 als „MS-Rehabilitationszentrum“ nach den Vergabekriterien der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG), Bundesverband e. V. zertifiziert. Dieses Zertifikat vergibt die DMSG nach differenzierten Qualitätsmerkmalen, die für eine Neurorehabilitation von Patienten mit der Diagnose Multiple Sklerose erforderlich sind. Die Details finden Sie unter:  Kriterien MS-Rehabilitationszentrum

Unsere Erfahrung haben wir in ein spezielles, interdisziplinäres (fachübergreifendes) Rehabilitationskonzept für unsere Patienten mit MS eingebracht, das wir regelmäßig dem aktuellen Erkenntnistand anpassen. In der Rehabilitation orientieren wir uns am Grundsatz, „den Patienten genauso wie die Erkrankung zu behandeln“ (McAlpine), und stimmen alle Ziele mit unseren Rehabilitanden ab, bei Bedarf auch mit den Angehörigen. Wir arbeiten eng mit den uns zuweisenden ärztlichen Kollegen, medizinischen Einrichtungen und MS-Selbsthilfegruppen (www.dmsg.de) zusammen. Als Teil des Zentrums für Neurologie stehen uns in Kooperation mit der Klinik für Neurologie alle diagnostischen und therapeutischen Möglichkeiten bei MS zur Verfügung.

Therapie

Bei der Therapie von MS ist die Behandlung der Krankheit an sich und die Behandlung der Erkrankungsfolgen zu berücksichtigen. Multiple Sklerose ist derzeit  nicht heilbar. Es existiert aber eine in den letzten Jahren zunehmende Zahl an Behandlungsmöglichkeiten, die den Krankheitsverlauf bei frühzeitigem Einsatz sehr wirksam günstig beeinflussen und damit die Erkrankungsfolgen begrenzen können. Zur Behandlung der Multiplen Sklerose erscheinen regelmäßig aktualisierte Therapieleitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie beziehungsweise des Krankheitsbezogenen Kompetenznetzes Multiple Sklerose.

Bei einem akuten MS-Schub erfolgt in der Regel eine hochdosierte intravenöse Kortison-Stoßtherapie (Pulstherapie), bei der dem Patienten Methylprednisolon in die Vene injiziert wird. Dieses Mittel wirkt entzündungshemmend und abschwellend. Bei gesicherter MS-Diagnose schließt sich eine Behandlung mit sogenannten immunmodulierenden (das Immunsystem beeinflussenden) Medikamenten an, um erneute Krankheitsschübe zu verzögern oder abzumildern.

Alle gesicherten Behandlungen bei MS können an unserer Rehabilitationsklinik durchgeführt beziehungsweise weitergeführt werden.

Verbesserung von Funktionen und Fähigkeiten

Eine zielorientierte, interdisziplinäre (fachübergreifende) Behandlung der Erkrankungsfolgen bei MS ist der wesentliche Inhalt einer neurologischen Rehabilitationsbehandlung. Gemeinsam mit unserem Patienten bestimmen wir bei der Aufnahme die für ihn bedeutsamen Einschränkungen seiner Körperfunktionen, seiner Fähigkeiten und seiner Teilhabe am Alltags- und Berufsleben und leiten daraus die individuell realistisch erreichbaren Behandlungsziele ab. Wir bieten spezifische medikamentöse und nicht-medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten zu allen Einschränkungen bei MS an:

  • Therapie der Fatigue (Erschöpfung) durch Kraft- und Ausdauertraining, Energie-Management, Entwicklung kognitiver Strategien. Außerdem: Amantadin-, Modafinil- und Fampridin-Test
  • Therapie von Aufmerksamkeitsstörungen (Aufmerksamkeitstraining)
  • Therapie spastischer (krampfartiger) Bewegungsstörungen (unter anderem mit tonusregulierender Physikalischer Therapie und Physiotherapie, oralen Antispastika (Tabletten), Botulinum-Neurotoxin (Nervengift), Testbolus (einmalige Medikamentengabe), Einleitung und Fortführung einer intrathekalen Baclofen-Therapie (Behandlung zur Muskelentspannung direkt im Liquorraum))
  • Therapie von Koordinations- und Gleichgewichtsstörungen (unter anderem mit Trainingsgeräten wie der Gallileo-Vibrationsplatte oder dem SMART Balance Master)
  • Therapie von Blasenstörungen (unter anderem durch intermittierenden Selbst-Katheterismus, bei dem sich – wie der Name auch nahe legt – der Patient selbst einen Blasenkatheter zur Entleerung anlegt)
  • Therapie neuropathischer (durch eine Nervenerkrankung bedingte) Schmerzen (zum Beispiel Trigeminusneuralgie, eine Form von Gesichtsschmerz)
  • Therapie von Sprechstörungen (Logopädie)

Leben mit MS – Krankheitsbewältigung und Teilhabe

Rehabilitation ist ein aktiver Prozess aus Schulung und Befähigung. Die Stärkung unserer Patienten in der Bewältigung ihrer Erkrankung (sogenanntes Coping) liegt uns besonders am Herzen und ist essenzieller Bestandteil unserer MS-Rehabilitationsbehandlung. Bei Diagnosestellung und geringen Beschwerden sind Patienten mit MS besonders gefährdet, ihre Krankheit zu verleugnen und nicht rechtzeitig und konsequent eine wirksame verlaufsmodifizierende Therapie durchzuführen. Im Krankheitsverlauf sind bei Auftreten von Behinderungen möglicherweise schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, die zu depressiven Störungen unterschiedlichen Ausmaßes führen können. Aus diesem Grund bieten wir unseren Patienten vielfältige, individuell abgestimmte Möglichkeiten wie:

  • persönliche Beratungsgespräche
  • ein MS-Patientenseminar
  • Beratung durch unsere Sozialarbeiter
  • unterstützende Gespräche der Neuropsychologen
  • Anleitungen zur Selbsthilfe
  • Eigenübungen
  • Freizeit- und Berufsgestaltung durch die Mitarbeiter des gesamten Rehabilitationsteams
  • außerdem: einen MS-Informationsordner der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)

Zum Abschluss jeder Rehabilitationsbehandlung gehört eine individuell abgestimmte Nachsorge-Planung für die ambulante Weiterbehandlung. Hierzu gehören Kontaktaufnahmen mit nachbehandelnden Ärzten und sozialen Diensten, Behandlungsempfehlungen für Heilmittel sowie Verordnungen von Hilfsmitteln und Rehabilitationsnachsorgemaßnahmen. Wir empfehlen aufgrund des prinzipiell fortschreitenden Charakters der Erkrankung, regelmäßig (mindestens jährlich) auch die Indikation (Heilanzeige) für erneute (teil-)stationäre Rehabilitationsmaßnahmen zu prüfen, sofern wichtige Fähigkeiten verloren zu gehen drohen.

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