Rehabilitation von Sehstörungen nach Hirnschädigung

(„neuro-visuelle“ Rehabilitation)

Einleitung

Etwa 1/3 unserer Patienten in der Neurologischen Rehabilitation leidet nach einer Hirnschädigung , z.B. nach Schlaganfall, unter Sehstörungen, sog. „neurovisuellen“ Störungen. Diese können verursacht sein durch eine Störung der Sehwahrnehmung bei Schädigung des Sehnerven, der Sehbahn oder der Sehrinde des Gehirns oder durch eine Störung der Augenbewegungen bei Schäden von Hirnnerven und deren Vernetzung in Hirnstamm und Kleinhirn. Häufige Störungen sind Gesichtsfeldausfälle mit Problemen beim Lesen und der Raumwahrnehmung, die Vernachlässigung einer Raumhälfte (sog. visueller Neglect) oder das Auftreten von Doppelbildern oder von Augenzittern (Nystagmus). Auch Störungen des Farb- oder Kontrastsehens oder der Hell-/Dunkel-Anpassung kommen vor. Bei Störungen der Fusion von beidäugig wahrgenommenen Bildern klagen Betroffene häufig über unscharfes Sehen, erhöhte Ermüdung beim Lesen, Kopfschmerzen oder Schwindel.

Oft werden diese Störungen erst in der Rehabilitationsklinik durch gezielte Untersuchung festgestellt. Die Betroffenen selbst bemerken diese Störungen meist durch Einschränkungen in den Aktivitäten des täglichen Lebens, wie beim Essen, Anziehen, beim Hantieren mit Gegenständen, beim Lesen oder beim Gehen auf unebenem Boden oder Treppensteigen. Damit kommt einer gezielten Diagnostik und Therapie neurovisueller Störungen eine besondere Bedeutung für die Rehabilitation von Patienten mit neurologischen Erkrankungen zu.

Diagnostik neurovisueller Störungen

Unsere Diagnostik neurovisueller Störungen umfasst eine sorgfältige Erhebung der Krankengeschichte sowie eine neurologische, neuropsychologische und orthoptische Untersuchung.

Hierzu verfügt unsere Rehabilitationsklinik über spezifische diagnostische Verfahren:

  • Prüfung der Sehschärfe (in Nähe und Ferne), des Kontrastsehens , der Hell-/Dunkeladaptation
  • Refraktionsbestimmung (optische Korrektion ausreichend?
  • Prüfung des Farbsehens
  • Untersuchung der Fusionsleistung (beidäugiges Sehen)
  • Untersuchung des räumlichen Sehens (Stereosehen)
  • Untersuchung der Augenstellung und –beweglichkeit
  • Beurteilung eines latenten Schielens (Heterophorie)
  • Gesichtsfeld-Untersuchung
  • Untersuchung der „Vernachlässigung“ einer Gesichtsfeldhälfte (visueller Neglect)
  • Diagnostik visuell bedingter Lese-Störungen
  • Untersuchung visuell-räumlicher Leistungen

Bei Verdacht auf nicht-neurologisch bedingte Sehstörungen kooperieren wir mit einer augenärztlichen Praxis am Ort.

Therapie neurovisueller Störungen

Auf der Grundlage unserer gezielten Diagnostik bieten wir Ihnen eine individuelle Therapie, die Ihre Rehabilitationsziele verfolgt. Dabei wenden wir soweit möglich Evidenz-basierte Therapieverfahren an, um Ihre Sehstörungen zu beheben.Sollten Seh-Behinderungen bestehen bleiben,unterstützen wir Sie im Umgang damit in Alltag und Beruf. Wir behandeln neurovisuelle Störungen als Therapieschwerpunkt der Abteilung Neuropsychologie im Team aus Neuropsychologen, einer Orthoptistin und medizinisch-technischen Fachangestellten.

Unsere Therapieverfahren umfassen:

  • Beratung zu Therapiemöglichkeiten
  • Unterstützung bei Brillenkorrektur
  • Fusionstraining (orthoptische Schulung des beidäugigen Sehens; Beseitigung von Doppelbildern) Ein Fusionstraining steigert bei etwa 80% der Patienten die Fusionsbreite, das Stereosehen oder die visuelle Belastbarkeit für relevante Alltagstätigkeiten.
  • Computer-gestütztes Training bei Gesichtsfeldausfällen (kompensatorisches Sakkadentraining)
  • Meist ist bei Patienten die visuelle Exploration in blinde Gesichtsfelder unökonomisch, was durch ein kompensatorisches Explorations- und Lesetraining gezielt behandelt wird.
  • Mehr als 90% der Patienten profitieren hiervon in Bezug auf ihre Teilhabe an Alltagsaktivitäten oder die Rückkehr in berufliche Tätigkeiten.
  • Computer-gestütztes Training bei Vernachlässigung eines Gesichtsfeldes (visueller Neglect)
  • Prismen-Ausgleich oder vorübergehende Okklusionsbehandlung bei Doppelbildern, Training von Augen(folge)bewegungen
  • Alltagstraining (Transfertraining, Frühstückstraining, Training der Raumorientierung)
  • Berufsorientiertes Training (Hantiertraining, Workpark, Bürotraining)
  • Beratung zu Hilfsmitteln bei Sehstörungen (Lesehilfen, vergrößernde Sehhilfen, Arbeitsplatzanpassung, Motivation)

Reha-Nachsorge

Zum Abschluss jeder Rehabilitationsbehandlung gehört eine individuell abgestimmte Nachsorge-Planung für die ambulante Weiterbehandlung. Ausgehend von den erzielten Rehabilitationsergebnissen legen wir gemeinsam mit unseren Patienten, ggf. den Angehörigen, die nächsten Schritte für Wiedereingliederung in das Alltags- oder Berufsleben fest.

Hierzu beraten wir zu weiteren Behandlungsmöglichkeiten und vermitteln Adressen von Rehabilitationsfachdiensten, Orthoptisten/innen im Bereich visuelle Rehabilitation oder Neuropsychologen.

Wir empfehlen im weiteren Behandlungsverlauf die Indikation für eine erneute (teil-)stationäre Rehabilitationsmaßnahmen zu prüfen, wenn ambulante Heilbehandlung nicht ausreichend erscheint. Für spezifische Fragestellungen rund um die Rehabilitations-Nachsorge bietet unsere Klinik eine ambulante Sprechstunde an.

Seite teilen: