Vortrag zu Reizdarmsyndrom in Wiesbadener Paulinenklinik

Die Beschwerden können vielfältig sein. Das gilt aber auch für die möglichen Ursachen. Bei der Bekämpfung des RDS müssen Ärzte und Patienten viel Geduld mitbringen.

darm-modell

Großer Andrang bei der Veranstaltung „Medizin bürgernah“ in der Asklepios-Paulinen-Klinik (APK): Das Thema „Der gereizte Darm“ stieß offenbar gerade nach den Feiertagen mit Schlemmereien wie Gänsebraten, Raclette und Plätzchen auf das besondere Interesse älterer Menschen. Sie wurden von den beiden Chefärzten Dr. Klaus Tischbirek, Medizinische Klinik I, Gastroenterologie, Onkologie und Infektionskrankheiten, und Dr. Martin Hoffmann, Chirurgie I, gemeinsam begrüßt, die kurz auf ihre enge Zusammenarbeit im „Bauchzentrum“ der APK verwiesen, bevor Tischbirek allein über das Reizdarmsyndrom (RDS) informierte. Denn bei diesem Leiden kommt der Chirurg nicht zum Einsatz.

Das RDS ist in den Leitlinien als funktionelle Magen-Darm-Erkrankung definiert. Das heißt, Symptome wie Bauchschmerzen oder Bauchbeschwerden, die mit Veränderungen des Stuhlgangs einhergehen, sind nicht organisch bedingt. Ein RDS liegt dann vor, wenn die Probleme mindestens drei Monate lang anhalten und Verstopfung, Durchfall, Blähungen einzeln oder kombiniert auftreten.

Die Ursachen dieser – meist Frauen treffenden – Krankheit können äußerst vielfältig sein, so Tischbirek, beispielsweise angeboren oder umweltbedingt, und sie hängen oft auch mit der Psyche zusammen. Patienten mit Reizmagen beziehungsweise Reizdarmsyndrom reagieren erwiesenermaßen empfindlicher auf Schmerzen als andere. Der Schlüssel zur möglichst frühen – schwierigen – Diagnose mit Anamnese, Laborergebnissen, Ultraschall und gegebenenfalls einer Magen-Darm-Spiegelung und gynäkologischen Untersuchung ist laut Tischbirek, „ein Arzt, der sich Zeit nimmt, und nach Art und Dauer der Symptome fragt, nach der Familie, nach Stress, Konflikten, Nahrungsmitteln und Begleitsymptomen wie Kopf- oder Rückenschmerzen“.

Als Betroffene möge man sich unbedingt einen Arzt suchen, dem man vertraue und der einem – nach Ausschluss organischer Ursachen – die Angst vor dem RDS nehmen könne. Nur so ließen sich unnötige und auch belastende Wiederholungsuntersuchungen verhindern, denn es gebe kein Allheilmittel, mit dem das RDS von heute auf morgen abzustellen sei.

Warnung vor vollmundigen Werbeversprechen

Zurzeit werde „Fodmap“, Abkürzung für eine Gruppe von – im Dünndarm schlecht resorbierbaren – Kohlehydraten und mehrwertige Alkohole, in diesem Zusammenhang eingehend diskutiert. Möglicherweise verbessere der Verzicht auf entsprechende Stoffe wie Lactose, Fructose und Sorbit die Symptome. Aber das treffe ebenso wenig auf alle Patienten zu wie das vollmundige Werbeversprechen bezüglich der Probiotika.

Ausprobieren könne man bei Durchfall etwa Flohsamen oder osmotische Laxantien, die Wasser im Darm zurückzuhalten vermögen, und gegen Blähungen beispielsweise Kümmel, Fenchel, Anis. Da natürlich auch Lebensmittel zu Bauch- oder Stuhlgangproblemen führen könnten, bitte er selbst seine Patienten, erst einmal vier Wochen ein Ernährungstagebuch zu führen – mit den Speisen einerseits und den Beschwerden andererseits. Am besten sei dann natürlich eine individuelle Ernährungsberatung, aber für die fehle den Ärzten die Zeit. Eines aber könne er in jedem Fall sagen: „Wenn Sie eine Diät machen und sie hilft nicht, hören Sie bitte sofort damit auf!“

Die Forschung müsse noch große Fortschritte machen, um das – den Alltag manchmal erheblich beeinträchtigende – Reizdarmsyndrom in seiner Komplexität vollends zu ergründen. Und so schloss Tischbirek seinen Vortrag mit den Worten: „Bis zu einem gewissen Grad muss man sich manchmal auch mit der Situation arrangieren.“


Ein Text von Angelika Eder aus dem Wiesbadener Kurier

Weitere Informationen finden Sie unter

Seite teilen: