Schauspielunterricht im Klinikum

Asklepios Klinikum und Uckermärkischen Bühnen Schwedt etablieren eine ungewöhnliche Weiterbildung für Studenten

Schauspielunterricht
Schockdiagnose Krebs: Für Patient und Arzt sind solche Gespräche oft eine besondere Belastungssituation und Herausforderung. Medizinstudenten, hier Jonas Frehse (r.) mit Schauspieler Ireneusz Rosinski (l.) trainieren realistische Gesprächssituationen. © MOZ | Oliver Voigt

Gespräche zwischen Arzt und Patient gehören zu den schwierigsten Herausforderungen, insbesondere, wenn es um ernste Erkrankungen geht. Im Asklepios-Klinikum Uckermark geht man jetzt ungewöhnliche Wege, um angehende Ärzte besser darauf vorzubereiten.

Der dunkle Fleck auf dem MRT-Bild der Niere entpuppt sich bei genauerer Untersuchung als Tumor. Als der junge Arzt seinen Patienten ins Sprechzimmer bestellt, um ihm die Diagnose mitzuteilen und mit ihm die nötige Operation und Therapie zu besprechen, reagiert dieser panisch. Krebs? Warum? Operieren? Muss ich sterben? Der Arzt hat Mühe, ihn zu beruhigen und sachlich aufzuklären.

Professor Dr. Rüdiger Heicappell, ärztlicher Direktor des Asklepios Klinikums Uckermark, kennt solche heiklen Gespräche zwischen Arzt und Patient aus seiner Praxis in der Klinik sehr genau. "Das sind die schwierigsten Aufgaben, weil sie oft mit sehr heftigen emotionalen Reaktionen verbunden sind, auf die die Ärzte jedoch in ihrer langen Ausbildung am wenigsten vorbereitet werden. Sie stehen den Patienten das erste Mal auf den Stationen im Krankenhaus gegenüber und werden quasi ins kalte Wasser geschmissen. Auch ich habe mich am Anfang meines Berufslebens damit sehr schwer getan", räumt Rüdiger Heicappell ein.

Deshalb bietet das Asklepios Klinikum erstmalig seinen Studenten eine neue und ungewöhnliche Art der Weiterbildung an, in die auch die Uckermärkischen Bühnen als Kooperationspartner eingebunden sind. "Wir simulieren schwierige Gesprächssituationen zwischen Arzt und Patient, wie sie im Klinikalltag immer wieder vorkommen. Hier können die Studenten Gesprächsführung unter recht lebenswirklichen Bedingungen praktisch üben und erfahren, wie man solche Gespräche strukturiert und mit Emotionalität und Ängsten einfühlsam und dennoch professionell umgeht", erklärt Professor Heicappell. Schauspieler der Uckermärkischen Bühnen schlüpfen dafür in die Rollen der Patienten. Medizinstudenten des Asklepios-Programms der Universität Stettin trainieren typische Gesprächssituationen, mit denen sie sich künftig als Arzt auseinandersetzen müssen.

Jonas Frehse aus Dortmund, Medizinstudent im 5. Ausbildungsjahr, ist der Arzt, der dem Patienten mit dem Nierentumor die Diagnose übermitteln muss. Schauspieler Ireneusz Rosinski vom Schwedter Theater spielt die Rolle des Patienten überzeugend echt. "Das ist auch für uns Schauspieler nicht alltäglich. Wir bereiten uns zwar auf Lebenslauf und Lebensumstände des jeweiligen Patienten vor, aber es gibt ja keinen Text, den wir lernen können. Wir wissen nicht, was kommt und müssen improvisieren", erzählt Ireneusz Rosinski. Ebenso werden die Studenten mit teils überraschenden Reaktionen ihrer "Patienten" konfrontiert.

Im Training werden verschiedene Gesprächszenarien durchgespielt, zum Beispiel zum Thema Organspende nach Unfalltod, zu Therapieplänen bei komplizierten inneren Erkrankungen oder ein Elterngespräch über Hirnhautentzündung bei ihrem Kind.

Wenn Kinder schwer krank sind, bedeutet das für die Ärzte zudem eine doppelte Herausforderung. "Wir haben uns hier nicht nur um das kranke Kind, sondern auch um die Eltern zu kümmern, die oft in einer extrem angespannten und emotionalen Lage sind. Wir müssen ein Bündnis zwischen Arzt, Eltern und Kind schaffen", erklärt Dr. Wenzel Nürnberger, Chefarzt der Kinderklinik im Asklepios Klinikum. "Mit den Kindern muss ich als Arzt beruhigend in einer altersgerechten und bildhaften Sprache reden. So kann man beispielsweise Leukämie so erklären, dass die weißen Blutkörperchen als Polizei des Körpers die bösen Buben, die Leukämiezellen, fangen muss. Das verstehen schon kleine Kinder", erklärt Wenzel Nürnberger. Auch im Elterngespräch gehe es darum, Ängste ernst zu nehmen und gleichzeitig ruhig Schritt für Schritt das weitere Vorgehen zu besprechen und die Eltern als Verbündete im Kampf gegen die Krankheit zu machen.

Bei den Trainingsstunden mit Studenten und Schauspielern sitzen die Chefärzte als Hospitanten im Hintergrund, um anschließend die Gespräche auszuwerten. Wurde das Gespräch planvoll strukturiert? Wurden Fremdwörter möglichst vermieden und Fachbegriffe verständlich übersetzt und erklärt? Wurde auf Fragen eingegangen oder der Patient mit Informationen überfrachtet? Fehler dürfen hier gemacht werden. So könne man auch daraus lernen, betont Professor Heicappell.

Der schwierigste Balanceakt bei jedem Gespräch ist der zwischen menschlicher Nähe und fachlicher Distanz und Professionalität. "Das Arzt-Patienten-Gespräch ist der Schlüssel, um Vertrauen in unsere Kompetenz aufzubauen und Ängste zu nehmen", bestätigt Professor Axel Matzdorf, Chefarzt der Klinik für Innere Medzin II. "Der Patient soll bei uns nicht das Gefühl haben, bevormundet zu werden, und nicht nur als Fall, sondern als Mensch gesehen zu werden."

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