Traumatisierte Lebenswelten - Schuld, Rache, Scham, Vergebung, Sinn und Wachstum

6. Göttinger Symposium Traumatherapie am Freitag, den 12. und Samstag, den 13. Juni 2020 im Asklepios Fachklinikum Göttingen

Das Göttinger Symposium Traumatherapie hat bereits eine Tradition als Möglichkeit zur Begegnung von Menschen, die überwiegend klinisch-praktisch mit traumatisierten Menschen arbeiten.

2020 beleuchten wir das Thema

Traumatisierte Lebenswelten -
Schuld, Rache, Scham, Vergebung, Sinn und Wachstum 

Während und nach einer Therapie stehen oft Fragen nach Schuld und Unschuld, Recht und Unrecht, Vergeltung und Vergebung, Rache und Wiedergutmachung, Sinn und Sinnlosigkeit, Verbitterung und Wachstum. Das sind Fragen aus den Grenzbereichen von Psychotherapie, Justiz, Theologie, Philosophie und Gesellschaft. 

Auch in diesem Jahr haben wir Zusagen von sehr interessanten Referentinnen und Referemnten für Vorträge zu diesem spannenden Feld und darüber hinaus zu weiteren hoch aktuellen Themen:

  • Kirsten Böök, Leitende Ministerialrätin im Justiz-Ministerium Niedersachsen, Coautorin des Buches „Trauma und Justiz“ vermittelt die juristischen Aspekte: „Recht und Gerechtigkeit, Vergeltung und Wiedergutmachung durch die Justiz im Gesellschaftlichen Kontext“. 
  • Prof. Dr. Anselm Crombach aus Konstanz referiert zu „Erst Opfer - dann Täter? Traumatherapie und zukünftige Täterschaft“ auf der Basis seiner internationalen Arbeit mit der Narrativen Expositionstherapie NET in Bürgerkriegsregionen.
  • Schwester M. Victoria Jazdzewski, Zisterzienser-Nonne, heute Gemeindereferentin in Döbern/Brandenburg, war bis 2013 sechs Jahre lang Gefängnisseelsorgerin. Aus dieser Erfahrung wird sie referieren: „Leben mit und gegen Schuld aus theologischer Sicht“. In ihrer Zusage-E-Mail schrieb Schwester Victoria „Manchmal sind die seelischen Probleme und damit verbundenen Fragen eines Mörders und einer Hausfrau gar nicht so unterschiedlich, wie man auf den ersten Blick denkt – nur die Offenbarwerdung ist eine andere.“
  • Dr. Phil. Marga Löwer-Hirsch, Berlin und Düsseldorf, Psychoanalytikerin, Beraterin und Coach, Autorin des Buches „Sexueller Missbrauch in der Psychotherapie - Fallgeschichten und Psychodynamik“ problematisiert in ihrem Vortrag die „Aufklärung von Missbrauch in der Psychotherapie-Ausbildung: Chancen und Risiken“. 
  • Christel Lüdecke, Co-Autorin des Buches „Sucht, Bindung, Trauma“, und Dominika Mandrek-Evers, Asklepios Fachklinik Göttingen, referieren zu „Scham und Schuld in der Traumatherapie“. Im Vortrag werden Therapie-Sequenzen aus EMDR Sitzungen gezeigt.
  • Karin Paschinger, Zentrale Physiotherapie des Klinikum rechts der Isar der TU München, berichtet über ihre Erfahrungen in der Körperzentrierten Diagnostik und Behandlung von „Traumaassoziierten Körperbeschwerden“. Body Map hat als ‚bildgebendes Verfahren für Körperschemastörungen‘ 2019 viele Zuhörer überzeugt.
  • Prof. Dr. med. Ingo Schäfer, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie UKE Hamburg war Leiter der Arbeitsgruppe zu den neuen S3-Leitlinien PTBS, die im Springer Verlag erschienen sind. „Trauma ist auch nicht mehr das, was es mal war. DSM-5 – ICD-11 - S-3: Ein Konzept im Wandel“ ist das Thema seines Vortrages. 
  • Prof. Dr. med. Heinz Weiß, Psychosomatische Medizin des Robert-Bosch-Krankenhaus Stuttgart - Sigmund-Freud-Institut Frankfurt, Autor des Buches „Trauma, Schuldgefühl und Wiedergutmachung. Wie Affekte innere Entwicklung ermöglichen“ schildert in seinem Vortrag „Innere Wiedergutmachungsprozesse - Ein klinisches Fallbeispiel aus der psychoanalytischen Behandlung schwer traumatisierter Patienten“. In Zeiten der Meta-Analysen und Forschungen mit N=Alle ist die differenzierte Erforschung des Einzelfalles in den Hintergrund getreten, oft als „anekdotisch“ diskreditiert worden. Diese Sichtweise blendet aus, dass Statistik wenig bis nichts über einen Einzelfall aussagt.

Im Anschluss bietet das Programm - wie jedes Jahr - eine Reihe attraktiver, dezidiert praxisorientierter Workshops.

Wir freuen uns auf Ihr Kommen!

Sabine Schinschke     Willy Herbold-Schaar     Ibrahim Özkan   Ulrich Sachsse

Bitte beachten Sie die Anmeldeschritte:

  1. Anmeldung nur mit dem Anmeldeformular per Post, per Fax Brief oder als E-Mail-Anhang, nicht telefonisch.
  2. Wir senden Ihnen so schnell wie möglich die Anmeldebestätigung, am schnellsten mit der von Ihnen auf dem Anmeldeformular genannten E-Mail-Adresse. Die Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Eintreffens berücksichtigt. Es stehen 150 Plätze zur Verfügung.
  3. In der Anmeldebestätigung nennen wir Ihnen die Kontonummer und das Stichwort, unter dem Sie bitte den Teilnahmebetrag überweisen.
  4. Die Zuteilung der Workshops erfolgt in der Reihenfolge des Eingangs der Überweisungen.

Wir können aus Raumgründen die Teilnehmerzahl nicht erhöhen; Sie können deshalb auch nicht spontan anreisen. Vielen Dank für Ihr Verständnis!

Informationen zu den Workshops

Workshop 1
Lebensweltorientierte Traumatherapie
Theorie und Praxis

Sabine Schinschke / Jochen-Thomas Werner

Obwohl nicht wenige der psychischen Störungen ihren Ausgangspunkt in den Lebenswelten der Menschen nehmen, spielt das Konzept der Lebensweltorientierung in der Psychotherapie bis heute nur eine untergeordnete Rolle. Ohne eine hinreichende Rekonstruktion des hier vorfindlichen Alltags- und Praxiswissens können jedoch weder die – nur aus der Lebenswelt heraus verständlichen – Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten verstanden, noch ihre Deutungs- und Handlungsmuster in einem therapeutischen Sinne nachvollzogen werden. Da die alltägliche Lebenswelt durch die erlebte Zeit, den erlebten Raum und die erlebten sozialen Bezüge strukturiert ist, bedarf es eines gewissen Quantums an therapeutischem Wissen, um abschätzen zu können, welche materiellen und immateriellen Ressourcen einer Patientin bzw. einem Patienten realiter zur Verfügung stehen. 

Nach allgemeiner Auffassung besteht ein enger Zusammenhang zwischen der Lebenswelt einer Familie und den langfristigen psychischen Folgen für die Kinder, die ihr entstammen. Dem Modell der sozialen Verursachung psychischer Störungen zu Folge („Social-Shift-Hypothese“), dürfte es außer Frage stehen, dass wenn Kinder während ihres Aufwachsens besonders vielen negativen sozialen Einflussfaktoren ausgesetzt sind, sich deren Wahrscheinlichkeit erhöht, später unter psychischen Störungen zu leiden. 

Epidemiologische Studien zeigen, dass in Deutschland jedes Jahr etwa 28% der erwachsenen Bevölkerung von einer psychischen Erkrankung betroffen sind. Von den Patientinnen und Patienten, die im stationären Setting behandelt werden, haben zirka 40% bis 70% während ihrer Kindheit Gewalt, Vernachlässigung, Misshandlung und/oder Missbrauch erlebt. Das hat zur Folge, dass bei ganz bestimmten psychischen Problemen – deren Ursachen weitgehend in Lebenswelten mit sehr vielen pathogenen Wirkfaktoren zu verorten sind – von therapeutischer Seite nicht erwartet werden kann, dass sie sich allein durch traumafokussierte Interventionen effektiv behandeln lassen.

Standard-Behandlungen, deren Hauptaugenmerk auf die Arbeit am traumatischen Material bzw. auf die vorfindliche Symptomatik eingeengt ist, führen bei diesen Patientinnen und Patienten oft nicht zu einer Besserung ihres Gesundheitszustandes. Nicht selten verstärken sie das Leiden und die problematischen Verhaltensweisen. Dies alleine dürfte Grund genug sein, dem lebensweltlichen Konzept in der Psychotherapie mehr Raum zu verschaffen.

Zwei Vorträge gehen der Arbeitsphase des WS voraus. Sie führen aus je unterschiedlicher Sicht in die Thematik „Lebenswelt“ ein, zum einen aus soziologischer, zum anderen aus psychotherapeutischer Sicht.

In der Arbeitsphase werden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Workshops – anhand verschiedener Fallvignetten – in Kleingruppen über das Thema „Lebensweltorientierung“ in der Behandlung komplextraumatisierter Patientinnen sprechen. Im Anschluss werden die Ergebnisse der Kleingruppenarbeit vorgestellt.

Workshop 2
Einführung in dei Narrative Expositionstherapie NET 

Anselm Crombach

 

Workshop 3
Multiple Identität als Folge systematischer Gewalt

Doris Holland

Wer mittels organisierter ritueller Gewalt, insbesondere seit Lebensbeginn oder früher Kindheit, gefoltert und ausgebeutet wird oder wurde, trägt meist die Besonderheit mit sich, „viele“ zu sein, also multipel und hoch dissoziativ. Strukturelle Dissoziation bedeutet eine Aufteilung der Persönlichkeit unter hohem traumatischem Stress und dient als psychophysiologischer Schutzmechanismus dem seelischen Überleben. Außerdem werden durch organisierte Gewalt dissoziative Prozesse und Persönlichkeitsanteile durch die Täter gezielt und systematisch für kriminelle Zwecke produziert, „trainiert“ und konditioniert („programmiert“).

Was für Traumatisierungen und Trainings müssen Betroffene über sich ergehen lassen? Welche typischen Symptome zeigen demnach die Überlebenden in Kombination mit der inneren Multiplizität? Wie sieht eine  typische Psychodynamik und ein typisches Binnensystem Betroffener aus? Wie versklaven die Täter ihre Opfer, und wieso ist der innere und äußere Ausstieg so schwer, wie kann er  gelingen?

Dieser Workshop soll dazu dienen, uns hinsichtlich dieser Fragen auszutauschen. Theoretische Vermittlung wird mit praktischen Beispielen untermauert.

Workshop 4
Traumasensible Arbeit mit dem Körper nach der Feldenkrais-Methode

Susanne Bleick

Die Feldenkrais-Methode ist ein körperorientiertes Verfahren zum Gestalten von Lernprozessen, durch die persönliche Handlungs- und Bewegungsmuster erkannt und variiert werden können. Das Lernen geschieht in einem individuellen Prozess durch eine Verfeinerung der Eigenwahrnehmung, welche zu mehr Flexibilität auf der Ebene der Bewegungen, der Gedanken und Emotionen führt.

Durch ihren wertungsfreien, vielfach variablen Ansatz hat sich die Feldenkrais-Methode in Zusammenarbeit mit traumatisierten Menschen bewährt. Sie arbeitet prozessorientiert und regt zur Entdeckung der eigenen Ressourcen an. Sie ermöglicht einen Zugang  zum eigenen Körper und den eigenen Wahrnehmungen, der darüber hinaus als stabilisierend und unterstützend erlebt werden kann.

Eine der herausragenden Besonderheiten der Methode ist die Förderung des Vertrauens in die eigenen Wahrnehmungen und damit eine Hinwendung zu größerer Unabhängigkeit und Freiheit. Angelehnt an mein Vorgehen im stationären Kontext werden Sie in diesem überwiegend praktisch ausgerichteten Workshop in kleinen Einheiten an mögliche Vorgehensweisen und Wirkungsweisen der Feldenkrais-Methode herangeführt.

Workshop 5
Umgang mit Scham und Schuld in der Praxis der Traumatherapie

Dominika Mandrek-Ewers

 

Workshop 6
Umgang mit Dissoziationen im ambulanten Setting

Kathrin Nüsse

Inhalt des Workshops sind die Vorstellung der rechtlichen Grundlagen für die ambulante fachpsychiatrische Versorgung von Menschen mit PTBS, inklusive der Einführung in das Verordnungsprocedere. Die Teilnehmer erhalten Einblick in die Praxis der ambulanten fachpsychiatrischen Versorgung von Menschen mit PTBS. Besonderheiten zwischen dem stationären Setting und der Versorgung in der Häuslichkeit der Patienten werden benannt. Hilfreiche Faktoren, die es in der ambulanten fachpsychiatrischen Versorgung zu berücksichtigen gilt, und Skills im Umgang mit Dissoziation werden im Workshop vermittelt. Des Weiteren wird dargestellt, wie die innere Kind Arbeit im ambulanten fachpsychiatrischen Setting umgesetzt werden kann.

Workshop 7
Einmal Opfer - immer Opfer!? - Das Phänomen der Reviktimisierung: Erkennen, verstehen und therapeutisch beeinflussen

Julia Campe

Personen, die in ihrer Kindheit interpersonellen Traumatisierungen ausgesetzt waren, haben im Erwachsenenalter ein signifikant erhöhtes Risiko erneut traumatisiert zu werden.

Im Workshop werden wir verschiedene Theorien und Mechanismen, die dem Phänomen der Traumawiederholung zugrunde liegen könnten, kennenlernen und diskutieren. Anhand von Fallvignetten können wir uns über die möglichen theoretischen Ansätze austauschen. Abschließend werden wir über das therapeutische Vorgehen zur Beeinflussung dieses Phänomens sprechen.

Workshop 8
Body Map - Einblick in die Vielfalt der Körperschemastörungen und in die Praxis der komplexen Körperarbeit

Karin Paschinger

Traumatisierte Menschen berichten regelmäßig nach körperlicher, sexueller und emotionaler Gewalterfahrung über ein komplexes Mischbild verschiedenartiger Beschwerden. Auf der Körperebene klagen Betroffene oft über multiple Schmerzen im gesamten Muskel-Skelett-System, körperliche Gefühllosigkeit, Ekelgefühle sowie Aversion gegen Berührung. 

Die „Bodymap zum Körpererleben“ hat sich in der Praxis zur differentierten Erhebung der körperlichen Symptomatik bewährt.

Komplexe Beschwerdebilder werden offenbar, und viele verschiedene Körpersymptome können nebeneinander vorliegen. Viele Betroffene sind sehr dankbar, dass die  Körperempfindungen wie z. B. Ekel, Gefühllosigkeit ernst genommen und nicht mehr „weggeschoben“ werden. Manche Körperbereiche sind oft nicht bzw. noch nicht zugänglich, sind in der Erinnerung nicht bewusst gespeichert und werden gar nicht markiert.

Für manche Betroffene ist es ein Türöffner in einen psycho- und körpertherapeutischen Prozess. In der interdisziplinären Zusammenarbeit ist die Bodymap sehr hilfreich, um die Vielfalt der Körperbeschwerden zu Beginn der Behandlung sichtbar zu machen und Veränderungen im Therapieverlauf erfassen zu können. 

Wie kann man die Bodymap in der Praxis anwenden? Was ist in der Praxis schwierig? Der Workshop lädt dazu ein die Vielfalt von Bodymaps und die körperlichen Veränderungen im Verlauf eines Therapieprozesses kennenzulernen. Anhand von Fallbeispielen wird die Körperarbeit mit der Feldenkrais-Methode (Gruppe/Funktionale Integration im  Einzelsetting) und Physiotherapie sowie der Therapieverlauf mit Filmbeispielen vorgestellt. Es besteht die Möglichkeit, die praktische Körperarbeit sowie die Affektregulation auszuprobieren. 

Lit.: Paschinger K., Büttner M. Traumaassoziierte Körperbeschwerden und Sexualität; Büttner M., Paschinger K.  Integrative psycho-und körpertherapeutische Behandlung von sexuellen Störungen nach sexuellen Gewalterfahrungen In: Büttner M. (Hrsg.) Sexualität und Trauma, Stuttgart: Schattauer, Klett-Cotta 2018.

Workshop 9
Verletzte Weiblichkeit - der Umgang mit Intimität, Nähe und Sexualität von komplextraumatisierten Frauen 

Rebecca Jacob

Die therapeutische Arbeit mit komplex traumatisierten Patientinnen ist oft vielfältig und herausfordernd. Jedoch wird häufig das Thema Sexualität ausgeklammert, gar nicht oder nur am Rande erwähnt. Patientinnen trauen sich nicht, darüber zu sprechen oder sind verunsichert, ob dies ein Teil der Therapie sein kann und darf. Manchmal sind auch wir Therapeuten unsicher und vermeiden das Thema aufgrund von Zurückhaltung oder aber dem Gefühl, dass andere Themen Vorrang haben. 

Der Workshop soll daher vor allem als ein Raum des Austauschs zum Umgang mit dem Thema Intimität, Nähe und Sexualität bei komplextraumatisierten Frauen im Rahmen der Therapie dienen. Dabei sollen neben einem theoretischen Input auch konkrete Interventionen und Strategien in der Arbeit mit Patienten besprochen und diskutiert werden. Welche Unsicherheiten bestehen häufig auf Seiten der Patientinnen sowie der Therapeut:innen? Wie können wir damit offen umgehen? Wie kann das Thema Intimität und/oder Sexualität einfühlsam in die Therapie integriert werden? Wie können Frauen dabei unterstützt werden ihre (sexuelle) Selbstbestimmung wieder zu erlangen? Und wie kann das therapeutische Arbeiten die Patientinnen dabei unterstützen, wertschätzende und fürsorgliche Intimität zu leben? Diese Fragen und mehr wollen wir gemeinsam beantworten. 

Ebenso soll bei Interesse ein Blick auf die Arbeit im Rahmen der Gruppentherapie geworfen werden. Im Vordergrund des Workshops werden dabei vor allem systemische Methoden und Perspektiven stehen.

Workshop 10
Sich neu erfinden und Schuld überwinden - Frühtraumatisierte Männer und das sogenannte Innere Kind

Stephanie Müller / Bianca Wagner

Förderung der Kompetenzen in der Anwendung des Behandlungsmodells bei verschiedenen Patientengruppen

Bei Patienten mit frühkindlichen Traumatisierungen ist neben den typischen PTBS Kernsymptomen oft eine eher komplexe Symptomkonstellation festzustellen – u.a. ist bei vielen die Fähigkeit zur Selbstfürsorge massiv eingeschränkt. Die therapeutische Arbeit mit dem sogenannten  inneren Kind stellt daher für dieses Patientenklientel eine wesentliche Methode im Rahmen der Stabilisierung bei geplanten Traumaexpositionen zu den Kindheitstraumata dar. 

Der Workshop beginnt zunächst mit einer Übersicht über die Definition, dem geschichtlichen Rückblick über erste Benennungen des Konzeptes in therapeutischen Verfahren sowie den Zielsetzungen des Modells.  Die Teilnehmer werden angeregt, sich auszutauschen, wie dieses Behandlungsmodell ambulant bzw. stationär in die Praxis ihres Psychotherapieverfahrens passt und/ oder bereits Verwendung findet. 
Seit 1997 findet das Konzept der Inneren Kind Arbeit in Göttingen Anwendung – seit 2001 integrativ mit an der dialektisch behavioralen Therapie orientierten Behandlungsstrategien. Ein weiterer Schwerpunkt wird daher in der praktischen Erprobung von Übungen liegen, die den Patienten den Zugang zu dieser Form von Selbstbegegnung erleichtern und auf unserer Spezialstation für traumazentrierte Psychotherapie regelmäßig in Einzeltherapie wie auch im stationären Gruppentraining Anwendung finden. 

Zwei Erwachsene – die Therapeutin und die Patientin kümmern sich um ein geschädigtes Inneres Kind, um eine korrigierende Erfahrung zu ermöglichen – Sachsse (2004) formuliert das Vorgehen daher auch als „Mütterberatung für Mütter mit schwierigen inneren Kindern“ – doch wie sieht es mit den „Vätern“ aus? Können Männer lernen, sich selbst besser zu bemuttern als sie bemuttert wurden? Welche Besonderheiten oder Herausforderungen ergeben sich in der therapeutischen Arbeit mit früh traumatisierten Männern? Zu diesen Fragen wollen wir uns im Speziellen austauschen. 

Workshop 11
Sprachreduzierte Therapieansätze mit Menschen mit Migrationserbe

Ibrahim Özkan

 

Workshop 12
Hypnotherapeutische Elemente in der Traumatherapie

Francesca Scarpinato-Hirt

Hypnose ist seit längerem als hocheffektive psychotherapeutische Behandlungsmethode anerkannt (Phillips, M., Frederick, C., 2007, Revenstorf 2006). Hypnose induziert einen Trancezustand, der durch einen eingeengten Wahrnehmungsfokus auf das Innere charakterisiert ist. Dabei wird eine „Alternative Wirklichkeit“ (Peter, 2018) konstruiert, in der therapeutischen Veränderungen stattfinden können, in der Hoffnung, dass diese Veränderungen dann im realen Leben implementiert werden können. Weiterhin wurde in der modernen Hypnotherapie nach M. Erickson eine Instanz (das Unbewusste, auch „therapeutisches Terzium“ genannt) (Peter, 2018) eingeführt, die unabhängig von der willkürlichen Kontrolle des Patienten handelt. Ihr werden auch Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen, welche dem Patienten, mindestens am Anfang der Behandlung nicht zur Verfügung stehen, zugeschrieben. In den letzten Jahren hat die Anwendung der Hypnotherapie in der Traumabehandlung immer mehr Resonanz gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe (Peter, 2018). Z. B. haben neurobiologische Forschungen gezeigt, dass bei Traumafolgestörungen die Regulation der HPA-Achse massiv gestört ist (Lüdecke et al, 2010). Demzufolge stellt die traumazentrierte Psychotherapie die Verminderung der Stressvulnerabilität in den Mittelpunkt der Behandlung. Hypnose ist ein Verfahren, das eine Reduzierung der Stresshormone bewirken kann (Revenstorf, D., & Peter, B. , 2001) und insgesamt eine entspannende Wirkung auf körperliche und psychische Prozesse hat. Weiterhin ist in der Traumabehandlung der Fokus auf Ressourcen eine der wichtigsten Bestandteile. Dabei wird z. B. die Selbstwirksamkeit erhöht, die Fähigkeit zur emotionalen Selbstregulation sowie auch zur Selbstfürsorge verbessert, was insgesamt eine positive Wirkung auf die Symptomatik der Traumastörung hat. Hier zeigt sich Hypnotherapie mit ihrer vielfältigen Interventionsmöglichkeiten als unschätzbar (Wilhelm Gößling, 2018).

In diesem Workshop werden die Teilnehmer zunächst einen kurzen Überblick in die klinische Hypnose nach Milton Erickson erhalten. Darüber hinaus wird genauer auf die Gründe eingegangen, warum eine traumazentrierte Behandlung von Hypnotherapie und/oder hypnotherapeutischen Elementen profitieren kann. Danach wird der Schwerpunkt auf die Vermittlung ressourcenorientierter hypnotherapeutischer Techniken gelegt, die ohne eine formale Tranceinduktion durchführbar sind. Praxisorientierte Übungen und Demonstrationen werden den Workshop begleiten und die Inhalte verdeutlichen.

 Literatur:

1) Bongartz, W., & Bongartz, B. (1998). Hypnosetherapie. Göttingen: Hogrefe;
2) Lüdecke, C., Sachsse, U., & Faure, H. (2010) „Sucht – Bindung- Trauma“. Stuttgart: Schattauer;
3) Phillips, M., Frederick, C. (2007). Handbuch der Hypnotherapie bei posttraumatischen und dissotiativen Störungen. Heidelberg: Carl Auer;
4) Wilhelm Gößling C. (2018). Traumafolgen überwinden – Methode effektiver Traumatherapie. Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie, Band 13(2), S. 7-36;
5) Peter B. (2018). Hypnotherapie bei Posttraumatische Belastungsstörungen – Typ 1. Zeitschrift für Hypnose und Hypnotherapie, Band 13(2), S. 57-80
6) Revenstorf, D., & Peter, B. (2001). Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin. Manual für die Praxis. Heidelberg: Springer; 7) Revenstorf, D. (2006). Expertise zur Beurteilung der wissenschaftlichen Evidenz des Psychotherapieverfahrens Hypnotherapie entsprechend den Kriterien des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie. Hypnose-ZHH, 1(1+2), 7-164.

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