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Körperbezogene Aspekte in der Begleitung demenzkranker Menschen
 
von K. Kämmer
 
Auszug aus: Claus Wächtler "Demenzen", Thieme Verlag 
Körperliche Berührung ist ein wesentliches Medium menschlichen Kontaktes, besonders dann, wenn die verbale Kommunikation durch gesundheitliche Probleme beeinträchtigt ist. Körperkontakt und körperliche Pflege eignen sich dafür, Geborgenheit zu vermitteln. In der Demenz wird die Zuordnung der Informationen schwieriger und die Bedeutung von eindeutigen Tast- und Spürinformationen nimmt zu.
 
In der körperlichen Pflege demenzkranker Menschen geht es in erster Linie um eine behutsame Gestaltung von Berührungen. Anfassen ist etwas Intimes, jeder Mensch sucht sich gerne nach seinen Bedürfnissen und Wünschen aus, welche Person ihn in welcher Körperzone und in welcher Art berühren darf. Nicht jeder freut sich über Berührung durch fremde Personen oder über bestimmte Intensitäten von Berührungen durch Andere, deshalb ist eine exakte Beobachtung des unterstützungsbedürftigen Menschen wichtig. 
Ängstigungen der demenzkranken Person durch zu nahe oder zu intensive Berührung sind genauso zu vermeiden wie fehlende körperliche Stimulation durch mangelnde Berührung. Das Vertrautwerden mit der Biographie des Betroffenen, seinen Vorlieben und Ängsten ist unumgänglich. Aus vielen Beobachtungen und Erfahrungen mit demenzkranken Menschen ist bekannt, dass ältere Menschen von professionellen Begleitern am liebsten an Hand und Arm bzw. am oberen Rücken berührt werden.
 
Im Familienkontext gibt es eigene Regeln und Gewohnheiten, und es steht den Angehörigen eine größere Bandbreite der Berührungen offen, wobei auch sie die Reaktion des betroffenen Menschen auf Zärtlichkeit immer wieder kritisch beobachten sollten, da sich Bedürfnisse im Demenzprozess ändern, ohne dass damit die dahinter liegende Beziehung infrage gestellt wird. Ein demenzkranker Mensch kann seine Bedürfnisse selten in der gesellschaftlich üblichen Weise ausdrücken und verleiht seinen Wünschen nach Nähe oder Distanz mit körperlichen Signalen Ausdruck: Wegstoßen, Anschreien und Anspucken der Begleitperson haben da genauso Platz wie das an sich Ziehen, Herzen und Küssen. 
Im Fortschreiten der Demenzerkrankung verändert sich die Wahrnehmung des eigenen Körpers. Die Kranken erleben ihn insgesamt oder Teile des Körpers als fremd, d. h., nicht als zu ihnen gehörig.
 
Die Motivation zur Ausführung der Körperpflege sinkt. Kleidung und Wäschewechseln scheinen immer unwichtiger zu werden. Es ist zu vermuten, dass sie, bedingt durch Einschränkungen der Sehfähigkeit, die Kleidung nicht als befleckt oder beschmutzt wahrnehmen und durch das Abflachen der Geruchswahrnehmung z. B. Urin und Kotverschmutzungen nicht wahrnehmen und zuordnen können. Das Abgeben von Kleidung ist mit dem Gefühl des Verlustes und der Irritierung verbunden. In vielen Fällen kommt es anlässlich der Körperpflegeangebote zu erheblichen Spannungen, weil die betroffenen Personen die Situationen verkennen.
 
Typische Situationsverkennungen sind: 
Der demenzkranke Mensch hält eine Reinigung des Körpers für unnötig.
 
:: Sie/er erlebt die pflegende Person als bedrohlich.
:: Sie/er missdeutet die Situation im Sinne einer zärtlichen Annäherung.
 
Als Herausforderung gestaltet sich die adäquate Ernährung. Während sich der objektive Kalorienbedarf bei dem häufig sehr aktiven Demenzkranken verdoppelt bzw. fast verdreifacht, verändern sich das Geschmackserleben und der Appetit in einer Weise, dass viele demenzkranke Menschen mangelernährt sind. Aufgrund ihrer kognitiven Situation erkennen die Betroffenen das Essen nicht und können es nicht sinnvoll zuordnen. Aus diesem Grund trifft man immer wieder demenzkranke Personen an, die scheinbar uninteressiert vor einem gut gefüllten Teller sitzen und nicht mit dem Essen beginnen. Wird die Handlung durch die Begleitperson initiiert und unterstützt und kann so der erste Bissen im Mund zerkleinert werden, scheint die betroffene Person zu spüren, um was es geht und isst selbstständig weiter.
 
Ein dritter Aspekt der Körperlichkeit und Pflege ist die veränderte Wahrnehmung und Äußerung von Schmerzen und die damit verbundene Schwierigkeit von Früherkennung und Intervention. Dieses Problem spielt insbesondere im Bereich der Zahnpflege bei noch erhaltenem Zahnbestand eine nicht zu unterschätzende Rolle. Eine demente Person kann die Missempfindung häufig nicht eindeutig lokalisieren, hält Zahnpflege für nicht erforderlich und verschließt konsequent den Mund. Auf diese Weise unterbleibt in vielen Fällen über längere Zeit eine Inspektion der Mundhöhle. Pathologische Veränderungen werden nicht erkannt bzw. durch das Unterbleiben der Mundhygiene weiter gefördert. Nicht selten sind dann Zahnschmerzen die Ursache der Aggressionsausbrüche von Demenzkranken. Wissen die Betreuer nicht um die Zusammenhänge von Körper und Verhalten, wird die symptomatischpharmakologische Behandlung die wahren Ursachen der Aggressivität verschleiern und zusätzliche gesundheitliche Gefährdungen bedingen.
 
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