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aus: chir. praxis 56, 121-135 (1999/2000) Hans Marseille Verlag GmbH München Behandlung von Lippen-, Kiefer- und Gaumenspalten Wegen der Beeinträchtigung einer Vielfalt von Körperfunktionen durch eine Spaltbildung müssen mehrere Fachgebiete an der Behandlung teilhaben. Hierzu gehören der Mund-, Kiefer-, Gesichtschirurg, der Kieferorthopäde, der Hals-Nasen-Ohrenarzt und der Humangenetiker, dazu der Logopäde oder Sprachtherapeut sowie der Sozialarbeiter und der Psychologe. Wird ein Kind mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren und wurde diese Fehlbildung nicht bereits pränatal erkannt, so ist die erste Maßnahme ein Informationsgespräch mit den Eltern des Kindes, um ihnen deutlich zu machen, dass eine derartige Fehlbildung bei konsequenter und guter Behandlung weitestgehend korrigiert werden kann und eine wesentliche Behinderung für das spätere Leben ausgeschlossen ist. Alle Behandlungen sind Wahleingriffe, die genau geplant und perfekt vorbereitet werden können. Lediglich beim ROBIN-Syndrom (U-förmige mediane Gaumenspalte, Unterkieferrücklage, atonische, dorsal liegende Zunge) kann ein sofortiger lebensrettender Eingriff notwendig werden, wenn sich die Zunge in die mediane Gaumenspalte einlagert und dort zum Atemwegsverschluß führt. Die Reposition der Zunge mit einer Faßzange und die Sicherung mit einer kräftigen Zungennaht beseitigen die Erstickungsgefahr, die Gaumenplatte verhindert eine erneute Atemwegsverlegung durch Rückfall der Zunge und stimuliert das Unterkieferwachstum (siehe Abb. 14).
Abb.14 ROBIN-Syndrom mit Rücklage des Unterkiefers, intraorale breite Gaumenspalte Plattenbehandlung Bei Spalten, die den Gaumen mitbetreffen, ist durch den fehlenden Abschluß zwischen Mund- und Nasenhöhle die Saugfähigkeit und damit die Nahrungsaufnahme erschwert oder unmöglich, so daß am 1. oder z. Tag ein Abdruck vom Kiefer gemacht werden muß. Dies kann in normaler Kopftieflage ohne besondere weitere Maßnahmen mit individuellen Abdrucklöffeln geschehen. Anschließend wird eine Trinkplatte hergestellt, die aus weichbleibendem Kunststoff gefertigt ist, um Druckstellen zu vermeiden. Wird diese Platte innerhalb der ersten 1-2 Tage eingegliedert, so gewöhnen sich die Kinder ohne Schwierigkeiten an diese Trinkhilfe, manchmal ist sogar Stillen möglich. Sonst besteht die Nahrungsaufnahme aus abgepumpter Muttermilch oder künstlicher Milch mit speziell geformten Saugern (Haberman Sauger, Medela Medizintechnik, Eching). Die Platte wird dauernd getragen und nur 2mal täglich zur Reinigung herausgenommen (siehe Abb.15, 16, 17).
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Abb.15: Abdrucknahme für eine Trinkplatte bei linksseitiger Lippen-Kiefer-Gaumenspalte |
Abb.16: Die Trinkplatte wird auf einem Gipsmodell in weich bleibendem Kunststoff hergestellt und deckt den gesamten Spaltbereich bis in den Gaumen hinein ab |
Abb.17: Die Trinkplatte wird vom Kind nach wenigen Stunden angenommen und problemlos getragen. Die Reinigung erfolgt zweimal täglich unter warmem Wasser | Im Verlauf des weiteren Kieferwachstums bis zum Verschluß des weichen Gaumens wird die Platte seitlich freigeschliffen, damit das Oberkieferwachstum gelenkt und verschobene Kieferanteile in den normalen Zahnbogen zurückgeführt werden können (siehe Abb.18a, 18b). Damit ist diese Platte neben der Trinkhilfe auch ein kieferorthopädisches Gerät, gleichzeitig korrigiert sie die Lage der Zunge.
Abb. 18a und 18b Gipsmodell bei einseitiger Lippen-Kiefer-Gaumenspalte vor und nach Plattenbehandlung. Die Kiefersegmente sind zueinander harmonisch eingestellt, die Kieferkammhöhe ist zur Verdeutlichung mit Bleistift markiert |
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