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26. Mai 2005
 AK Harburg: Prof. Dr. Kaukel vom Thoraxzentrum behandelt die Folgen des Rauchens:
„Auf die Eltern kommt es an“
Mehr als 10.000 Lungenfunktionsanalysen werden pro Jahr in der Lungenabteilung des AK Harburg durchgeführt.  600 Mal pro Jahr müssen hier die Ärzte eine überaus ernste Diagnose stellen: Lungenkrebs. Nur zehn bis 15 Prozent dieser Fälle sind heilbar, in der Regel durch eine Operation. Die anderen erhalten eine Chemotherapie, zu der sie in ca. dreiwöchigen Intervallen immer wieder aufgenommen werden müssen - normalerweise in der Tagesklinik, die über acht Liegeplätzen verfügt. Hier erhalten Tumorpatienten ihre Chemotherapie, die durch begleitende Medikamente immer besser verträglich geworden ist.
 
Das Rauchen ist eine der Hauptursachen für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bösartige Tumore der Lunge, an denen jährlich ca. 35.000 Menschen in Deutschland sterben. Zum Vergleich: Im Straßenverkehr kommen pro Jahr 7.000 Menschen um. Prof. Dr. Eckhard Kaukel, Leitender Arzt im Thoraxzentrum Hamburg des AK Harburg, erläutert in einem Interview mit dem AKH-Gesundheitsmagazin AKTIV die Diagnose und Therapie des Karzinoms der Lunge - und er warnt vor einem gefährlichen Trend unter Jugendlichen. Wir stellen Ihnen hiermit vorab den Text des Interviews für Ihre Berichterstattung zur Verfügung. 
Herr Prof. Kaukel, was geht in Ihnen vor, wenn Sie Raucher sehen?
Wenn ich rauchende Mitmenschen sehe, denke ich: Hoffentlich gehören sie nicht zu den 12 Prozent von Rauchern, die ein Bronchialkarzinom entwickeln. Hoffentlich gehören sie nicht zu den 35.000 Menschen, die jährlich in Deutschland an einem Bronchialkarzinom sterben, nicht zu denen, die eine chronische Bronchitis oder/und ein Lungenemphysem entwickeln - ebenfalls 35.000 Menschen sterben jährlich an dieser Erkrankung, welche auch durch Rauchen verursacht wird.
 
Welchen Anteil nehmen in Ihrer Abteilung die Erkrankungen und Behandlungen ein, die vermutlich durch das Rauchen entstanden sind?
In meiner Abteilung werden jährlich über 500 Patienten mit Bronchialkarzinomen neu diagnostiziert. In über 90 Prozent der Fälle ist dieses ursächlich auf inhalatives Zigarettenrauchen zurückzuführen. Da diese Patienten in ca. 75 Prozent der Fälle nicht operiert werden können, da die Krebserkrankung schon weit fortgeschritten ist, müssen sie immer wieder zur Chemotherapie in der Lungenabteilung aufgenommen werden. Prozentual sind daher über die Hälfte der Patienten in der Lungenabteilung Patienten, deren Erkrankung auf das Rauchen zurückzuführen ist.
 
Welche Schritte sind in der Regel zur Diagnose und Therapie von Lungenkrebs nötig?
Husten und blutiger Auswurf sind sehr häufig die Symptome, die den Patienten zum Arzt führen. Der erste Schritt zur Diagnostik eines Lungenkrebses ist die Röntgenaufnahme der Lunge. Zur Sicherung der Verdachtsdiagnose erfolgt eine Bronchoskopie (Spiegelung der Bronchien). Hierbei gewinnt man Gewebe, welches feingeweblich (histologisch/zytologisch) untersucht wird, um die Art des Lungenkrebses zu bestimmen. Weitere diagnostische Schritte zielen einerseits auf die Ausbreitung des Tumors auf andere Organe (Metastasierung). Diese Untersuchungen sind die Oberbauchsonographie (Frage nach Lebermetastasen, Nebennierenmetastasen), die Knochenszintigraphie (Frage nach Knochenmetastasen), die Kernspintomographie des Kopfes (Frage nach Hirnmetastasen). Bei einem lokalisiertem Tumor besteht grundsätzlich Operabilität. Dazu müssen dann Herz und Lunge genauestens untersucht werden, um das Risiko dieses Eingriffs abschätzen zu können. Dieses erfolgt durch die Spiroergometrie (Belastungsversuch von Herz und Lunge)
 
Neuerdings ist die Früherkennung von Bronchialkarzinomen mittels Autofluoreszenzbronchoskopie möglich. Diese Methode wird jedoch als Screening nur bei Hochrisikopatienten mit mehr als 40 Zigaretten pro Tag eingesetzt.
 
Gibt es Innovationen und Besonderheiten in der Behandlung im AKH?
In der Lungenabteilung des Thoraxzentrum Hamburg werden eine Reihe von Chemotherapiestudien mit neuesten Medikamenten durchgeführt (Alimta, Iressa, Avastin, Tarceva) in Kombination mit anderen Chemotherapeutika mit dem Ziel, die optimale Kombination zur Behandlung des Tumorleidens zu finden. Bei fortgeschrittener Erkrankung können die Bronchien mittels Lasertherapie oder Argon-Plasmakoagulation freigemacht werden. Mittels Stent können die Bronchiallichtungen geschient werden, so dass die Atmung gewährleistet ist.
 
Viele Raucher trösten sich mit prominenten Vorbildern, die trotz starken Rauchens sehr alt geworden sind.
Diese Prominenten gehören offensichtlich glücklicherweise nicht zu den 12 Prozent, die ein Bronchialkarzinom aufgrund des inhalativen Zigarettenrauchens entwickeln. Eine andere Erkrankung, die ebenfalls auf das Rauchen zurückzuführen ist, kommt  allerdings bei diesen Mitmenschen durchaus vor: Die coronare Herzerkrankung, die auch zu operativen Interventionen führen kann. Dies erinnert mich an den Ausspruch meines Pathologen in der Studienzeit: Die meisten Raucher erleben ihr Bronchialkarzinom deswegen nicht, weil sie vorher am Herzinfarkt sterben.
 
Sie referieren häufiger vor Schulklassen. Ist Rauchen unter Jugendlichen immer noch im Trend?
Leider ist Rauchen schon bei sehr jungen Menschen ein Trend. Verschiedene Gymnasien haben Projekte ins Leben gerufen, um junge Menschen vom Rauchen abzuhalten. Dazu gehört ein Besuch der Schulklasse in der Lungenabteilung, bei dem wir die Entstehung, die Diagnostik und die Therapie des Bronchialkarzinoms zeigen und den Schülern Gelegenheit geben, in unserer Tagesklinik mit Patienten, persönlich zu sprechen, die sich einer Chemotherapie unterziehen müssen. Der Erfolg wird allerdings erst in mehreren Jahren erkennbar werden.
 
Was können Eltern tun, um ihre Kinder davon abzuhalten?
Auf die Eltern kommt es an: Sie können mit gutem Beispiel vorangehen und nicht rauchen. Verbote helfen in der Regel nicht, weil der Reiz des Verbotenen übermächtig ist. Ein möglicher Anreiz: Wenn bis zum 18. Lebensjahr nicht geraucht wird, erhält das Kind die Kosten für Fahrstunden und Führerschein geschenkt.
 
Was halten Sie von einem totalen Werbeverbot für Zigaretten?
Leider wird bei der Zigarettenwerbung die heile Welt vorgespielt. Ein Werbeverbot würde jedoch nichts ändern. An der Zunahme der Rauschgiftsüchtigen, die weiß Gott keine öffentliche Werbung betreiben, wird erkennbar, dass ganz andere Mechanismen eine Rolle spielen.
 
 
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Jens O. Bonnet
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