... Patienten mit einigen klar definierten Muskelerkrankungen wurden diesen Kerngruppen zugelost, andere Kranke mit eher seltenen Krankheiten in einer Kontrollgruppe erfasst. Die physische Gesamtbelastung war zwischen den Gruppen ähnlich, um die Wirkung der Therapie später vergleichen zu können.
Dieser Vergleich war mit den bis dahin üblichen Testverfahren nicht genau genug. So entwickelte die Arbeitsgruppe ein neuartiges Testsystem, das sich an Alltagsherausforderungen orientiert und die Grenzen der Selbstständigkeit erfasst. Die über 20 Jahre immer weiter entwickelten Tests sind mittlerweile so differenziert, dass sie sich als probates Mittel zur Problemanalyse bei neuromuskulär Erkrankten bestens bewährt haben und als Standard anerkannt sind.
Als Beispiel sei die bei Muskeldystrophikern verbreitete Gehschwäche sowie die Unfähigkeit zur Aufrichtung („Gowers-Zeichen“) genannt, deren ursächliche Probleme sich mit den von uns verwendeten Tests gut analysieren und damit auch gezielt behandeln lassen.
Das Gleiche gilt für die im Alltag oft hinderliche Armschwäche, deren Ursachen im fehlerhaften Zusammenspiel der Schulter- und Nackenmuskeln liegen. Wenn ein oberflächlicher Krafttest solche Mechanismen nicht erfasst, kann die darauf basierende Behandlung im schlimmsten Fall Symptome – wie Überlastungsschmerz im Rücken und Nacken – verschlimmern. Genauso wird ein oberflächlicher Behandlungsansatz spezielle häusliche Probleme, wie die Angst vor Stürzen in bestimmten Situationen (subjektiv „Gleichgewichtsstörungen“), unterschätzen mit der Folge, dass nach einer unspezifischen Rehabilitation keinerlei spürbare Besserung auftritt.
Viele Patientenaussagen bestätigen das („Mit gezielter Therapie, die ich hier wie sonst nirgendwo finde, habe ich über viele Monate keine Angst mehr vor schlimmen Stürzen.“ „Ich kann beruflich länger durchhalten und bin zu Hause selbstständiger.“ „Andere neurologische Therapieabteilungen bieten oft viel zu allgemeine oder zu schwierige Gruppentherapien an.“).
Zusammenfassend lässt sich nach über 20 Jahren konstruktiver Zusammenarbeit mit der DMH feststellen: Durch die finanzielle und ideelle Förderung verfügen Therapeuten und Ärzte der Weserbergland-Klinik über einen einzigartigen Erfahrungsschatz, dessen Quintessenz immer wieder auf Seminaren und Kongressen präsentiert worden ist. Zentrale Aussagen wurden im 1994 erschienenen Fachbuch („Neuromuskuläre Erkrankungen“) und in vielen Fachartikeln veröffentlicht. Dieses Wissen konnte sich über Jahre entwickeln und beruht unter Anderem auf der Kreativität der 17 Physiotherapeuten, die im Verlauf der 20 Jahre von der DMH bezahlt wurden und ausschließlich für die Arbeit mit Muskelkranken zur Verfügung standen. Das heutige Kernteam besteht aus 3 geförderten Mitarbeitern.
Auswärtige Therapeuten und Patientenselbsthilfeverbände haben wesentliche Ansätze übernommen und empfehlen die Klinik als „das Therapiezentrum“ in Deutschland. Der Therapieansatz gilt als eigenständig und spezifisch und hat mit gängigen „neurophysiologischen Verfahren“ kaum mehr etwas zu tun.
Was sich an mittlerweile 3000 Patienten besonders bewährt hat, ist sicherlich die Mischung aus genauer Analyse, individueller Dosierung und der großen Fachkompetenz der Behandler. Bisherige Auswertungen ergaben, dass sich die Wirksamkeit unserer Physiotherapie in deutlich verbesserter Lebensqualität und Selbstständigkeit im Alltag niederschlägt.
Seit vielen Jahren vertrauen sich mittlerweile auch muskelkranke Kinder während ihrer Sommerferien dem erfahrenen Behandlungsteam der WBK an. Bei Kindern sind Krankheitsprogredienz und seelische Verarbeitung anders als bei Erwachsenen. Das gewisse Etwas liegt hier im feinfühligen und verständnisvollen Umgang und im Umfeld, das auch Spiel und Spaß sowie die Eltern einbezieht. Die liebevolle pflegerische Betreuung ist dabei genau so von Bedeutung wie die spezifische ergotherapeutische Förderung.
Die Studie mit Muskelkranken war die erste Therapiestudie im deutschen Raum. Darauf können wir stolz sein, denn heute wird von den Kostenträgern zunehmend ein Effizienznachweis verlangt. Wir hoffen, dass unsere bisherigen Studienergebnisse auch weiterhin die Sachbearbeiter überzeugen können und dass möglichst viele Muskelkranke von unserer Therapie profitieren.
Martin Kemper, Physiotherapeut