Asklepios Weserbergland-Klinik
Therapiezentrum für neuromuskuläre Erkrankungen
Physiotherapie als wesentlicher Bestandteil der WBK - Myo - Therapie

von Martin Kemper, Physiotherapeut

Als ich im Herbst 1984 angesprochen wurde, als Therapeut an einer Studie teilzunehmen,  erweckte zunächst das Logo der Auftraggeber, der Deutschen Muskelschwundhilfe Hamburg (DMH), meine Aufmerksamkeit: Ein nackter Rollstuhlfahrer mit Boxhandschuhen. Die Symbolik, sich als Behinderter nicht alles gefallen und vorschreiben zu lassen und sein Schicksal in die eigene Hand zu nehmen, stand auch für den Auftrag: Das bis dahin restriktive und überaus vorsichtige physiotherapeutische Vorgehen zu hinterfragen mit dem Ziel, ein für Muskelkranke optimiertes Therapiekonzept zu erstellen.

Da es bis heute nur sehr wenige Möglichkeiten gibt, bei muskelkranken Menschen erfolgversprechende medikamentöse oder operative Therapien einzusetzen,  sollte in der Studie die Effizienz einiger „konservativer“ Behandlungsmethoden nach wissenschaftlichen Kriterien verglichen und bewertet werden.

Herr Prof. Dr. Weimann, damals ärztlicher Direktor der Weserbergland-Klinik, nahm sich nach einigen Verhandlungen mit Herrn Friedrich, selbst Betroffener und Vorsitzender der DMH, der Durchführung an und strukturierte mit einem kleinen 3-er-Team das Vorgehen:  Alle verfügbaren wissenschaftlichen Veröffentlichungen wurden gesichtet, verglichen und diskutiert. Dabei stellte sich heraus, dass die bisher empfohlenen Therapieschwerpunkte im deutschsprachigen Raum sich zum Teil erheblich von internationalen Erfahrungen unterschieden. Aber auch die Konzepte dieser Experten schienen oft nicht schlüssig und waren nicht wissenschaftlich untermauert.  Außerdem war schwer nachzuvollziehen, dass die enorme Bandbreite von über 600 Krankheiten, die alle unter „Muskelschwund“ erfasst waren, stets stereotyp behandelt werden sollte.

   Anfang 1985 wurde mit dem neuen Test- und Behandlungskonzept begonnen.

Um gezielt die Behandlungseffekte vergleichen zu können, mussten Betroffene mit gleichen Krankheiten über einen definierten Zeitraum  mit gleicher Intensität behandelt werden. Nur die Schwerpunkte, deren Wirksamkeit uns interessierte, durften sich unterscheiden.

Die Schwerpunkt-Fragen lauteten:

gruenerpunkt Darf ein kranker Muskel unter Bewegung trainiert werden, oder ist das bisher erlaubte
    Verfahren besser, nur vorsichtige Anspannungsübungen zu praktizieren?

gruenerpunkt Darf man kranke Muskeln ohne Nachteile dehnen, oder schwächt man sie damit zusätzlich?

gruenerpunkt Sollte täglich geübt werden, oder reichen, auch unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten,
   weniger Behandlungen aus? Wie lang sollen solche Therapiesitzungen sein?

gruenerpunkt Ist es günstig, einen kranken Muskel im warmen Milieu zu therapieren (z. B. im warmen Be-   wegungsbad oder alternativ im vorgewärmten Zustand), da er ja  weit weniger Wärme
   produziert als ein gesunder?

gruenerpunkt Verhelfen elektrotherapeutische Stimulationen der Muskulatur zu mehr Spannkraft?

Aus diesen Fragen entwickelten wir mit der Zeit bis zu 6 verschiedene Behandlungsschemata, deren Wirkung durch ergänzende Maßnahmen (spezielle Massagetechniken, warme Bäder, Elektro-stimulation u. a.) unterstützt wurde.

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